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zum Kommentar

Die Braut

von Bettina Lege

Die Braut und zwei Frauen sitzen im Saal.

"Ei, sieh nur", sagt Mariann, "wie blaß die Braut ist."

"Ach, es wird nur die Aufregung sein", antwortet Hilde.

Die Braut sitzt stumm, in weiße Pelze gehüllt, das dunkle Haar geflochten und gesteckt, die dunklen Augen im weißen Antlitz, der Mund mit Farbe gerötet.

"Man meint, ihr Herz schlüge nicht", sagt Mariann.

"Ei, du wirst alt und hörst es nicht recht", antwortet Hilde.

"Und man meint, sie atmet nicht", sagt Mariann.

"Ei, du wirst alt und siehst es nicht recht", antwortet Hilde.

"Wie kalt ihre Hand sich anfühlt", sagt Mariann.

"Die Kälte ists, die daran Schuld trägt", antwortet Hilde.

"Und sieh nur, wie traurig sie schaut", sagt Mariann.

"Liebst du den Mann nicht, den dein Vater dir erwählte?" fragt Hilde.

"Oh doch, ich liebe ihn", sagt die Braut leise.

"Solltest du dann nicht fröhlich sein?" fragt Mariann.

Die Braut bleibt stumm.

Die Tür öffnet sich, herein tritt der Vater des Bräutigams. "Wo ist die Braut?" fragt er.

"Dort sitzt sie, Herr", antwortet Hilde.

"Ei, was? Soll mein Sohn eine Tote heiraten?" fragt der Mann. "Seht, wie blaß sie ist. Ihr Herz schlägt nicht, sie atmet nicht, und ihre Hand ist kalt wie Eis." Er dreht sich um und geht.

*

Vom Wall blickt die Braut dem Bräutigam nach, einen Dolch fest in der Hand. Entschlossen stößt sie ihn sich zwischen die Rippen und wirft ihn dann von sich.

Das Eis auf dem Graben birst, der Dolch ist verschwunden. Rotes Herzblut befleckt den weißen Pelz, vermengt sich mit dem weißen Schnee zu den Füßen der Braut. Sie steht in einer roten Pfütze, die sich beständig ausbreitet.

'Ach, es hat keinen Sinn', denkt sie, rafft die Pelze zusammen und steigt die Treppe in den Burghof hinunter.

* * *

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 15.06.2011.