Bibliothek

 

 

 

zum Kommentar

Er gefällt

von Bettina Lege

Ich wollte mit einigen meiner Kommilitonen die gerade bestandene Klausur Anlagentechnik feiern. Während wir an der Bar unser Bier bestellten, fiel mir eine, im Gegensatz zur studentische Klientel mit Hochfrisur, professionellem Make-Up und großgemustertem Seidenkleid, sehr ansprechend zurecht gemachte Schwarzhaarige auf, die mir auf den ersten Blick sogar vage bekannt vorkam. Die südländisch wirkende Frau saß allein an einem Ecktisch und musterte über den Rand des Whiskyglases in ihren schlanken Fingern gelangweilt das übrige Publikum. Schließlich traf ihr Blick meinen und ein feines, ironisches Lächeln spielte um die schönen, tiefrot geschminkten Lippen, dann tippte sie mit den langen, ebenso dunkelrot lackierten Nägeln an ihre Unterlippe und schickte mir sogar ein Küßchen. Hatte ich sie vielleicht schon mal gefragt, ob sie mir Modell sitzen würde? Aber daran, ein so ausdrucksstarkes Gesicht gezeichnet zu haben, hätte ich mich sicher erinnert.

"Hey, hast du so einen Druck, daß du jetzt sogar schon mit Transen flirtest?" fragte daraufhin Mark, der in unserer Sechsergruppe den Platzhirsch machte.

Erst als er das gesagt hatte, fiel mir auf, daß das Dekolleté der vermeintlichen Dame sehr flach war. Dort saß wirklich ein Mann, anscheinend ebenso wie wir in den Zwanzigern - aber verkleidet als Frau. Und nach dieser Erkenntnis fiel mir plötzlich auch ein, wo ich dieses Gesicht - natürlich ungeschminkt - schon gesehen hatte: er gehörte zu den Turnern, die nach dem Basketballtraining in die Sporthalle kamen. Er mußte also auch Student an der Uni sein. Aber was bewegte ihn dazu, an einem Sonnabend als Frau verkleidet allein in einer Studentenkneipe herumzusitzen?

Die Neugierde auf seine Beweggründe ließ mir keine Ruhe, und da ich schon zwei oder drei Bier vom Vorglühen intus hatte, zögerte ich nicht lange, schnappte mir mein frisches Bier und ging, sehr zum Erstaunen meiner Kommilitonen, zu dem Ecktisch.

Ebenso überrascht wie meine Begleiter sah der Turner mir entgegen, hob die wohlgeschwungenen, dunklen Augenbrauen ein Stück. So schwarze Augen wie diese hatte ich selten gesehen.

Dennoch konnte ich mich der Faszination dieses Anblicks entziehen, gerade noch verhindern, daß ich einen Tanzschulendiener machte, und sagen: "Hallo, ich bin Tammo. Darf ich mich zu dir setzen?"

"Hey, Tammo, sollen wir dir noch ein bißchen Gleitcreme besorgen?" rief Mark mir nach, begleitet vom dreckigen Gelächter der anderen, aber ich tat, als hätte ich es nicht gehört. Doch durch das Make-Up sah man, wie die Wangen des Turners zu glühen begannen. "Ignorier den Kerl einfach", riet ich. "Er muß immer allen zeigen, was für ein Held er doch ist."

Das entlockte dem Turner immerhin eine Art Grinsen. "Ich finde, du siehst eher wie ein Held aus", erwiderte der Turner mit einer unbestreitbar männlichen Stimme, "wie ein großer, blonder Recke."

"Also darf ich mich setzen?" insistierte ich, griff nach der Lehne eines Stuhles, um ihn vom Tisch wegzuziehen.

"Du hast wohl keine Angst, daß ich über dich herfallen könnte, oder?"

"Nö", gab ich zurück, nahm die nicht erfolgte Einladung einfach als gegeben an und setzte mich. "'Never judge a book by its cover' ist meine Devise." Ich trank einen Schluck Bier, als meine Kehle plötzlich unangenehm trocken wurde. "Aber ich bin neugierig. Wieso sitzt du hier in so einem Aufzug?"

Nun lachte der Turner leise auf. "Wegen des Christopher-Street-Days natürlich", sagte er in einem Ton, als müsse man das gleich erkennen.

Ich erinnerte mich, vor einigen Tagen Plakate an den Laternen gesehen zu haben, aber das Datum darauf war nicht das heutige gewesen. "Der war letzte Woche", gab ich also zurück. "Sitzt du seit acht Tagen hier?"

Das breite Grinsen ließ ihn dann doch sehr jungenhaft aussehen. "Ach du Scheiße, nein", dann mußte er lachen. Das konnte nicht das erste Whiskyglas sein, das er heute abend geleert hatte. "Ich hatte mit einem Kumpel gewettet, daß ich mich mindestens so gut zurecht machen kann, wie die Drag Queens beim Christopher-Street-Day, aber er hat mich wohl versetzt. Eigentlich wollten wir zusammen ins Kino."

Ja, Kino sollte bei uns auch noch auf dem Programm stehen, aber wir sechs hatten uns bisher nicht auf einen Film einigen können, und Marks Machtwort war bisher ausgeblieben. Vielleicht war die Auswahl des Turners und seines treulosen Kumpels ja ansprechend genug. "Was wolltet ihr sehen?" fragte ich also.

"Die 'Rocky Horror Picture Show' natürlich", sagte er, stemmte die Arme in die Taille und legte den Kopf auf die rechte Schulter, als wäre sein rot-orange geblümtes Seidenkleid ein schwarzes Korsett.

Nein, das war kein mehrheitsfähiger Vorschlag für meine Kommilitonen. Aber ich mochte den Film, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Es war mein persönliches Ticket zum Selbstbewußtsein gewesen, damals, vor vier Jahren. "Don't dream it, be-e it", sang ich leise, doch wohl nicht leise genug, denn der Turner riß wieder die tiefschwarzen Augen auf. "Du kennst den Film?" fragte er ungläubig.

"Ich mag den Film", stellte ich richtig. "Gehst du mit mir hin?"

"Meinst du das im Ernst?" fragte der Turner zurück. "Und du läßt deine..."

"...Idioten", ergänzte ich seinen Satz, "Idioten, die sich gerne auf anderer Leute Kosten lustig machen. Das sind keine Freunde von mir, nur Typen, die in denselben Veranstaltungen sitzen wie ich." Und unter dem anzüglichen Gejohle meiner Kommilitonen verließen wir gemeinsam die Kneipe.

*

Erst als wir in der beginnenden Dämmerung auf der noch die Tageshitze abgebenden Straße waren, fragte ich den fast einen Kopf kleineren Mann nach seinem Namen. "Ach-met", sagte er betont, ließ das 'h' in seiner Kehle kratzen, hielt den Blick aber konzentriert auf das unregelmäßige Pflaster der Straße gerichtet, über das er in seinen nicht einmal besonders hohen High-Heels neben mir zur U-Bahn stöckelte. Einige Male war er kurz davor, sich den Knöchel umzuknicken.

"Darf ich dir meinen Arm anbieten?" fragte ich. "Dann läufst du vermutlich sicherer. Schließlich wollen wir ins Kino und nicht in die Klinik."

Ahmet blieb lachend stehen. "Das wär' doch witzig", sagte er dann, nachdem er wieder zu Luft gekommen war. "Du bringst mich mit einem Knöchelbruch in die Klinik und erklärst dann meinem Trainer, warum ich am Donnerstag nicht zum Wettkampf komme."

Als er trotzdem keine Anstalten machte, nach mir zu greifen, hielt ich ihm meinen Ellbogen direkt unter die Nase. "Halt dich fest, dann kommen wir heil an."

"Oh, ein Gentleman", gab Ahmet affektiert zurück, grinste wieder frech. "Das tust du doch nur, damit du mir leichter an die Möpse greifen kannst."

"Du hast keine Möpse", korrigierte ich Ahmet. Aber wunderbar entwickelte Brustmuskeln, wie ich bei einem Blick in seinen Ausschnitt sehen konnte.

"Hey, guck mich nicht so schwul an!" fuhr Ahmet auf.

"Hey, du bist gar nicht mein Typ", gab ich zurück, mußte dann selber lachen, als ich an Ahmets Miene sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Aber Ahmet sah gar nicht mehr aus, als ob ihm nach Lachen zumute war, sondern wich noch ein paar Stöckelschrittchen von mir zurück. "Heißt das nun, daß du auf Weiber stehst?"

"Das heißt, ich steh nicht auf beschwipste Transen." Aber es sah nicht aus, als ob das die in ihm aufsteigende Panik eindämmen würde. Irgendwie erinnerte er mich in diesem Moment an ein angeschossenes Reh.

"Ich bin keine Transe", sagte er ernüchtert.

"...und anscheinend auch nicht mehr beschwipst", fügte ich hinzu. "Vielleicht bist du dann ja doch mein Typ."

"Mann, du bist irgendwie nicht ganz klar", entfuhr Ahmet, riß sich die Schuhe von den Füßen und lief auf den feinbestrumpften Füßen über die leere Straße und um die nächste Straßenecke davon.

Und ich stand da und verfluchte mein gehirnentkoppeltes Mundwerk. Ich wußte noch nicht einmal, wo die 'Rocky Horror Picture Show' laufen sollte, dann hätte ich sie mir wenigstens allein anschauen können. Und nach dem Auftritt in der Kneipe konnte ich heute auch nicht mehr mit Marks Gnade rechnen. Also zurück nach Hause und einsam vor der Glotze feiern.

Und einige Stunden später lag ich fünfundzwanzigjährige Jungfrau auf meinem Bett und versuchte, mir einen runterzuholen. Doch irgendwie gingen mir die Rehaugen von Ahmet nicht aus dem Sinn. Bisher hatte ich mir immer Blondinen vorgestellt, die mir einen blasen, die es mir mit der Hand besorgen, die sich auf mich setzen - und zugegeben, da waren gelegentlich auch hübsche blonde Jungs dabei gewesen, in meinen Phantasien. Aber Ahmet hatte lange, schwarze Haare, die er beim Turnen zu einem Zopf gebunden trug. Es war wohl sein natürliches Haar gewesen, das er zu der Hochfrisur aufgesteckt hatte.

*

Es dauerte bis zum nächsten Mal Basketball, daß ich Ahmet wiedersah. Ich entdeckte ihn plötzlich während des Trainings, bereits im Turneroutfit auf einer Bank am Rand sitzend und war so überrascht, daß ich mir den Ball abjagen ließ und wir einen Korb kassierten. Ich versuchte, Ahmet zu ignorieren und die Scharte auszuwetzen, und schließlich gewann unsere Seite dann doch noch.

"Nicht schlecht gespielt nach dem Patzer." Auf Socken war Ahmet tatsächlich gut einen Kopf kleiner als ich, und vor allem sein Trikot brachte seinen durchtrainierten Körper viel zu gut zur Geltung. Zu allem Überfluß merkte er, wohin mein Blick schweifte. "Du guckst schon wieder so schwul", sagte er leise, diesmal mit einem halben Lächeln. "Ich wollte mich eigentlich bei dir entschuldigen, Tammo. Ich glaube, ich hatte am Samstag doch zu viel getrunken." Dann grinste er wieder dieses freche Grinsen. "Und die Strümpfe sind natürlich hin."

"Soll ich sie dir ersetzen?" fragte ich, halb im Ernst.

"Hey, das waren echte Nylons aus den Fünfzigern", gab er zurück. "Wo willst du die denn herkriegen?"

"Meine Herren, nicht tratschen wie die Weiber!" rief da eine strenge Männerstimme durch die Halle, der Trainer der Turner. "Übermorgen ist der große Tag, wir müssen trainieren. Und sie gehören nicht zu uns, wenn mich nicht alles täuscht." Ein durchdringender Blick unter zusammengezogenen Brauen hervor traf mich.

"Viel Erfolg für deinen Wettkampf", wünschte ich Ahmet und verschwand.

Auch wenn am Freitag die Klausur Apparatebau anstand und ich weder diesen Abend noch Mittwoch viel zum Lernen kommen würde, wollte ich doch unbedingt Ahmets durchtrainierten Körper einmal in Aktion erleben. Und es war nicht nur mein allgemeines Interesse an der menschlichen Anatomie, das mich antrieb. Mit einiger Mühe fand ich schließlich heraus, daß es sich bei dem Turnerwettkampf um die Landesmannschaftsmeisterschaften handelte, die erfreulicherweise in unserer Stadt ausgetragen wurden. Ich würde zwei prüfungsrelevante Vorlesungen versäumen, wenn ich mir alles ansah, und nach einigem Abwägen entschied ich mich, die Vorlesungen doch zu besuchen, und danach sofort zu der Halle am anderen Ende der Stadt zu fahren, um wenigstens die Hälfte des Wettkampfes mitzubekommen.

In der Nacht auf Donnerstag träumte ich von Ahmet, einmal als Frau, dann wieder als Mann, immer mit diesen schwarzen Rehaugen, den langen, seidig weich aussehenden, schwarzen Haaren.

Die Vorlesungen am Vormittag schienen sich ewig hinzuziehen, und als sie endlich vorüber waren, schwang ich mich auf mein Rad, um loszufahren, doch irgendein Spaßvogel hatte die Luft aus den Reifen gelassen. Pumpe besorgen oder angesichts der Mittagshitze doch mit der U-Bahn fahren? Wertvolle Sekunden verstrichen, bis ich diese Frage zugunsten der Pumpe entschied, einen freundlichen Menschen mit Luftpumpe am Fahrradständer vor dem Institut für Musikwissenschaften fand und endlich wieder Luft auf die Reifen geben konnte. Aber an der nächsten Kreuzung stellte ich fest, daß die Luft wohl nicht herausgelassen, sondern die Reifen perforiert worden waren. Das war nicht so schnell zu beheben, also schloß ich mein Rad an, wo ich stand und hetzte zur nächsten U-Bahn-Station. Eine knappe Stunde und zweimal Umsteigen später stand ich endlich vor der Sporthalle, in der den ganzen Tag die Landesmannschaftsmeisterschaften im Geräteturnen stattfanden und hätte noch Schulkindern zusehen können. Die Männer hatten am Vormittag geturnt.

Als ich endlich begriffen hatte, daß die ganze Hetzerei sinnlos gewesen war, setzte ich mich auf der Treppe vor der Halle in den Schatten und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Obwohl ich nicht mit dem Rad gefahren war, hämmerte mein Herz wie wild und ich verfluchte meine Entscheidung, doch die Vorlesungen besucht zu haben. Aber warum setzte es mir so zu? Ahmet war irgendein durchgeknallter schwarzhaariger Typ, der mit einem Kumpel darum wettete, daß er einer Drag Queen Konkurrenz machen konnte. Ahmet war irgend so ein Typ mit einem wahnsinnig durchtrainierten Körper und schwarzen Rehaugen, den ich zu gern mal gezeichnet hätte.

"Hey, was machst du denn hier? Du siehst ja total fertig aus", sagte Ahmet plötzlich hinter mir, und ich glaubte, mein Herz bleibt mir stehen.

Ich versuchte, mich zusammenzureißen, drehte mich zu ihm um. "Äh, war grad' in der Gegend. Wie war der Wettkampf?" Seine Haare hingen in feuchten Strähnen um seine Ohren, sein Gesicht über dem deutlichen Bartschatten war rot gefleckt und auf der Stirn mit dicken Schweißperlen garniert. Wie hatte er aus diesem Material dieses wunderschöne Frauengesicht zaubern können? Einfach nur mit ein bißchen Make-Up?

"So - so. Wir haben den vierten Platz gemacht, aber unser Trainer hat fast den Herzkasper gekriegt, weil wir so abgelost haben", dann grinste er wieder, war plötzlich wieder so erschreckend gutaussehend. "Ich muß dringend was trinken. Kommst du mit? Die anderen machen noch 'ne Manöverkritik, aber ich hab' mich abgesetzt. Ich wohn' gleich um die Ecke."

Ahmet reichte mir die Hand, wohl um mir hochzuhelfen und ich starrte auf seine langen, schlanken Finger mit den kurz geschnittenen Fingernägeln. Natürlich waren das künstliche Nägel gewesen am Sonnabend. Was denn auch sonst. Kein Turner konnte lange Fingernägel gebrauchen.

"Na komm schon, Träumer", forderte Ahmet mich auf, wedelte mit der Hand vor meiner Nase.

Ich stand ohne seine Hilfe auf. "Willst du wirklich jemanden, der nicht ganz klar ist, mit auf deine Bude nehmen?" fragte ich ihn in Anspielung auf seine eigenen Worte fünf Tage zuvor.

"Und dazu ist der Typ noch einen Kopf größer als ich und gebaut wie ein Schrank", stimmte er mir zu. "Tja, sollte ich dann wohl besser nicht tun. Also tschüß, bis zum nächsten Mal." Und er drehte sich wahrhaftig um und ging.

Als er mit seinen elastischen Schritten den Fuß der Treppe erreicht hatte, ohne anzuhalten, ohne sich noch einmal umzusehen, merkte ich erst, daß mir vor Erstaunen der Mund offenstand.

Und dann drehte er sich um, grinste zufrieden. "Also was ist? Kommst du mit?"

*

Wir gingen zu Fuß. Ahmets Wohnung lag tatsächlich zwei U-Bahn-Stationen von der Halle entfernt in einem ehemals heruntergekommenen Altbaugebiet, das nun nach und nach modernisiert wurde. Unaufgefordert erzählte er mir, daß er zwar Sport studierte, seine eigentliche Leidenschaft jedoch dem Theater gehörte. Aber Papa und Onkel hatten ein Fitness-Studio und er sollte einmal übernehmen. Er war einundzwanzig, hatte vor vier Semestern mit dem Studieren begonnen, aber schon während der Schulzeit Theater gespielt. Er plauderte über seinen Spaß daran, auf der Bühne gelegentlich Frauenrollen zu verkörpern. Deswegen war er sich mit der Wette vom Sonnabend auch so sicher gewesen. Und seine erste Rolle in der Uni-Theatergruppe war vor zwei Jahren die der Janet in der 'Rocky Horror Show' gewesen.

Ahmet wohnte im erfrischend kühlen Hinterhaus eines Gebäudes, in dem es statt Badezimmern in den Wohnungen im Treppenhaus noch Etagenklos für die Mieter gab, und in seiner Küche stand eine anscheinend selbst eingebaute Dusche. Nachdem er aus einer Getränkekiste zwei Flaschen Wasser geholt hatte, wedelte er mich jedoch aus der Küche heraus in sein Allzweckzimmer, drückte mir eine der Flaschen in die Hand, öffnete für sich die zweite, setzte sie an und trank in großen Schlucken daraus. Dann riß er sich das durchgeschwitzte T-Shirt vom Leib und warf es auf den Flur zu seiner Sporttasche, öffnete den riesigen Kleiderschrank neben dem Sofa und wühlte in den chaotisch vollgestopften Fächern. An der Kleiderstange hingen dagegen ordentlich und unübersehbar einige Frauensachen, aber auch zwei Anzüge, und an der Innenseite der Schranktür war ein mannshoher Spiegel angebracht.

Mein Blick wurde schließlich gefangen von Ahmets wohldefinierten Rückenmuskeln, bis er sich schließlich wieder zu mir umdrehte, ein frisches T-Shirt in den Händen. "Hey, guck mich nicht so schwul an", sagte er sanft.

"Und, bist DU schwul?" wagte ich zu fragen.

Ahmet antwortete nicht, sondern zog das T-Shirt über. 'Verwandlung ist nicht Lüge' prangte jetzt in großen Buchstaben auf seiner muskulösen Brust, die von klassischen Antiqua-Lettern Stück für Stück in einen serifenlosen Zeichensatz übergingen. Wie passend, ging mir durch den Kopf, denn mit dem weiten T-Shirt war er plötzlich trotz des Bartschattens zu einem frechen, langhaarigen Jungen geworden, der wieder breit grinste. "Was denkst du?" fragte er dann.

Das war wohl eine Einladung gewesen. Aber bevor ich reagieren konnte, verschwand er flink in die Küche und begann, sich zu rasieren. Ich schlenderte hinterher, sah schweigend zu, wie er sich das Kinn und die Wangen einseifte und sich schließlich mit einem Einwegrasierer die schwarzen Stoppeln aus dem Gesicht kratzte. Mit jeder Spur des Seifenschaums, die verschwand, tauchte magischerweise ein Teil des Frauengesichtes auf, das mich am Sonnabend so fasziniert hatte.

"Ich weiß nicht", antwortete ich schließlich auf seine Frage.

Ahmet schrak aus der kritischen Betrachtung seiner Selbst im Spiegel neben der Spüle auf. "Was weißt du nicht?" fragte er zurück.

"Ich weiß nicht, ob du schwul bist", erklärte ich. "Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich schwul bin", gab ich dann zu.

Ahmet lachte. "Du bist süß, weißt du das? Du bist zwar ein Zweizwanzighüne, aber du bist definitiv süß."

"Ich bin zwei Meter und vier", korrigierte ich steif.

"Hey, sag' ich doch, Süßer. Setz dich mal hin", kommandierte er dann, schob einen der hölzernen Küchenstühle in meine Richtung.

Ich tat ihm den Gefallen, neugierig darauf, was das werden sollte, mit überraschendem Herzklopfen.

"Setz dich richtig hin, Mann, nicht nur so auf die Vorderkante, als ob du gleich wieder aufspringen willst", befahl er und ich gehorchte, rutschte auf der Sitzfläche nach hinten, bis ich mit dem Gesäß an die Rückenlehne stieß. Ahmet stand vor mir, die schwarzen Augenbrauen kritisch zusammengezogen, während er mein Gesicht musterte. "Also, was Schwules kann ich nicht sehen", sagte er dann, "nur, daß du eine Blondine bist." Er streckte die Hand aus und griff geradezu zärtlich in mein Haar. "Und du hast Sommersprossen. Hast du die überall?" fragte er dann mit einem frechen Grinsen.

Ich spürte, wie mir plötzlich das Blut ins Gesicht schoß.

"Hey, Süßer, du wirst ja rot", staunte Ahmet. "Meine Güte, dann bist du ja wirklich unwiderstehlich." Er strich mit den Fingern an meiner Schläfe entlang, hinunter zu meiner Wange, über die zwei Tage alten Bartstoppeln. "Die sind ja richtig weich", flüsterte er, streichelte sie mit der Außenseite seiner Finger. Irgendwie war es ein seltsames Gefühl, aber vielleicht lag es einfach daran, daß ich zu angespannt war, um es zu genießen.

Das verträumte Lächeln Ahmets wurde wieder zu einem Grinsen. "Hey, ich weiß, wie wir rauskriegen, ob einer von uns beiden schwul ist", sagte er, beugte sich plötzlich zu mir herunter, nahm mein Gesicht in beide Hände und drückte seine weichen, vollen Lippen auf meine. Wie im Reflex schloß ich die Augen.

Meine Hose wurde mir plötzlich zu eng. Du meine Güte, das war ein unglaubliches Gefühl, die warmen Lippen, seine Zungenspitze, die sich zwischen meine Lippen schob, sanft meine Zunge berührte. Ahmet atmete plötzlich viel schwerer, löste endlich seinen Mund von meinem, seine Hände von meinem Gesicht. "Hey, sieh mich an, Süßer", sagte er dann leise neben meinem Ohr, so daß ich seinen Atem spürte.

So nah war sein Gesicht, daß ich nicht mehr als das von ihm sah. Eine der langen, inzwischen getrockneten Haarsträhnen fiel ihm ins Gesicht, bedeckte sein rechtes Auge. Bevor ich weiter darüber nachdachte, hob ich die Hand, um ihm die Haarsträhne hinter das Ohr zu streichen. Seine Haare waren gar nicht so weich, wie ich gedacht hatte, sondern eher kräftig. Und seine in der dämmerigen Kneipe so schwarz wirkenden Augen hatten in der von der Sonne hell erstrahlten Küche eher einen sehr warmen, dunklen Braunton, mit einigen helleren Stellen in der Iris. Hätte ich es nicht besser gewußt, hätte ich ihn bei diesem Anblick wahrhaftig für eine Frau gehalten, so weich waren seine Gesichtszüge. Ich wollte ihn unbedingt noch einmal küssen, zog ihn auf meinen Schoß und schon kamen mir seine Lippen wieder entgegen. Ich umarmte ihn, fühlte den festen, warmen Körper an meinem, die Bewegung seines Brustkorbes während seiner tiefen Atemzüge, seine Zunge an meiner eigenen und wie mein Blut sich fordernd pochend in meinem Schwanz sammelte. Anscheinend war ich also schwul. Wieso hätte ich sonst so stark auf einen Kuß von ihm reagiert?

Ahmet löste wieder die Lippen als erster, schnappte hörbar nach Luft. "Also einer von uns muß in jedem Falle schwul sein", sagte er leise. "Sonst kann ich mir das gar nicht erklären." Mein Blick folgte dem Ahmets zu seinem Schritt, wo die Hose nun ebenfalls deutlich spannte. Überraschend verlegen zog er den Saum des T-Shirts darüber.

"Ahmet,... ich... ich...", begann ich stotternd. Irgendwie hatte sich wohl doch noch nicht all mein Blut in meinen Genitalien gesammelt, denn mein aufgeregter Herzschlag schnürte mir die Kehle zu.

"Du, du, Süßer", flüsterte Ahmet in mein Ohr, sah mich wieder an, mit glühenden Wangen. "Laß uns Schluß machen, sonst..."

"Du meinst, wir würden es bereuen?" fiel ich ihm enttäuscht ins Wort.

Ahmet schüttelte den Kopf, die Haarsträhne fiel wieder in sein Gesicht. "Nein, aber du würdest es irgendwann bereuen. Du hast morgen eine Klausur", erinnerte er mich.

"Woher weißt du das?" fragte ich überrascht, plötzlich war die Hitze wie weggewischt. Resignierend ließ ich Ahmet los, er stand auf. Wieso hatte er jetzt von der Klausur anfangen müssen?

"Hey, ich hab meine Quellen, Süßer. Also laß uns lieber übermorgen weitermachen", sagte er wieder grinsend, aber irgendwie wirkte das freche Grinsen diesmal verkrampft. Sogar unter dem weiten T-Shirt zeichnete sich seine Erektion noch ab.

"ÜBERmorgen?!" brach es voller Enttäuschung aus mir hervor.

"Ich habe freitags Theater", erklärte Ahmet. "Wenn du nicht abwarten kannst, mich wiederzusehen, komm zu unserer Probe, ab sechs in der Kleinen Aula."

"Mal sehen", gab ich zurück, zu enttäuscht über seinen plötzlichen Rückzieher, um mich über das Angebot, den Kontakt aufrecht zu erhalten, freuen zu können. Es hatte ihn doch auch heiß gemacht. Wir hätten uns doch wenigstens gegenseitig einen runterholen können, oder so. Dafür brauchte man doch nicht mal Kondome.

"Hey, ich nehm nur einen Typen, der auch irgendwann dazu in der Lage ist, mich zu ernähren", gab Ahmet daraufhin zurück. Breitbeinig in seiner Küche stehend, beide Arme in die Hüfte gestemmt, sah er trotz seiner Worte eher aus wie ein Macho, der gerade die häuslichen Verhältnisse klärte.

Dieses bei ihm so natürlich wirkende Spiel mit den Geschlechterrollen machte mich wieder unheimlich an, aber selbstverständlich hatte er Recht. Ein Nichtbestehen von Apparatebau hätte mich zwei Semester zurückgeworfen, und schließlich sah ich ihn morgen schon wieder.

*

Ich fuhr also brav nach Hause und lernte pflichtbewußt noch etwas für die Klausur. Sie lief auch gut, und ich war bei der Abgabe meiner Unterlagen ganz zufrieden. Ahmet sah ich allerdings frühestens um sechs, und nun war es gerade einmal halb eins.

Mark fragte mich, ob ich ihn und seine Leute in die Mensa begleiten wolle. Das würde immerhin ein bißchen die Zeit vertreiben, aber ich hätte mir denken können, daß blöde Kommentare kommen, als ich auf dem Klo nun gerade in Marks Dunstkreis eine Packung extra starker Kondome mit Gleitgel zog, um für diesen Abend auf alles vorbereitet zu sein.

"Ach, Tammo, hat deine Transe dich erhört?" fragte Mark säuselnd, als ich das Wechselgeld aus der Klappe nahm.

Ich steckte die Packung Gummis in die Hosentasche und versuchte, seine dummen Bemerkungen zu überhören, aber das gemeinsame Mittagessen konnten wir streichen.

"Bist also doch 'ne Schwuchtel, hatte mir ja schon immer so was gedacht", setzte Mark noch nach.

Den Türgriff schon in der Hand, drehte ich mich nun doch zu ihm um: "Na, im Gegensatz zu dir werd' ich dieses Wochenende aber zum Stich kommen." Mark sah aus wie vom Donner gerührt, als ich ihn mit diesen Worten stehenließ. Anscheinend hatte ich damit unvorhergesehen ins Schwarze getroffen.

Ich nahm mir das Tablett mit dem Essen in den Campusgarten hinaus und setzte mich unter einem Baum in den Schatten. Mir fielen Ahmets Worte wieder ein, daß seine eigentliche Leidenschaft der Schauspielerei gehörte. Meine eigentliche Leidenschaft war das Zeichnen, auch wenn ich sie während meiner Schulzeit oft nur heimlich pflegen konnte. Aber als mir vor vier Jahren angesichts der Schwimmbadszene der 'Rocky Horror Picture Show' klar geworden war, daß man seine Träume leben mußte, um etwas von ihnen zu haben, hatte ich meinen besorgten Eltern gegenüber Farbe bekannt und schließlich sogar erreicht, daß sie mir als Belohnung guter Noten in den Semesterferien Aktzeichenkurse und ähnliches finanzierten. In den letzten Wochen war ich durch den zunehmenden Streß zum Semesterende viel zu selten dazu gekommen, mich einfach mal hinzusetzen und zu zeichnen. Da ich nun jedoch fünf Stunden totschlagen mußte, suchte ich mir aus der Tasche ein paar Bleistifte und den unlinierten Block, auf dem ich auch die Entwürfe für Maschinenbau skizzierte.

Das Pärchen da unter dem Baum sah doch süß aus, die waren ganz offensichtlich frisch verliebt, ließen kaum eine Minute die Finger voneinander, oder die Lippen. Ob es mit mir und Ahmet auch so sein würde? Oder war das eine zu romantische Vorstellung. Wer wußte schon, ob es jenseits einer einmaligen sexuellen Begegnung überhaupt ein Miteinander geben würde? Also versuchte ich, mich ganz auf mein Motiv zu konzentrieren.

Erstaunlicherweise war ich mit der ersten Skizze schon relativ zufrieden. Noch einmal ihre Hand an seiner Hüfte, denn die Perspektive sah irgendwie merkwürdig aus. Und den malerischen Schatten, den der Baum auf die beiden warf, den mußte ich auch irgendwie einfangen, skizzierte die Leiber der beiden noch einmal grob, schraffierte die im Halbdunkel des frühsommerlichen Laubes liegenden Flächen.

Ich versuchte mich noch an zwei weiteren Motiven, einer wirklich gutaussehenden Blondine, die lesend im Schatten eines anderen Baumes saß und einem dösenden Hund, so daß ich schließlich die Zeit bis zum Beginn der Theaterprobe problemlos überbrückt hatte, und ich machte mich auf den Weg in die Kleine Aula.

Die Proben waren schon im Gange, als ich den Saal betrat. Auf der Bühne standen ein paar Stühle und einige Studenten in Straßenkleidung, die diskutierten. Ahmet sah ich nicht und so setzte ich mich möglichst unauffällig im hinteren Bereich an die Seite und begann, nun auch die angehenden Schauspieltalente zu zeichnen. Ich hörte nur mit einem halben Ohr zu, was für ein Stück sie probten, aber plötzlich sah ich, daß auch Ahmet dabei war, die langen Haare leicht gelockt auf den breiten Turnerschultern, in einer Hand einen Fächer, mit dem er während einer Szene hantierte, ihn nach Anweisungen des Regisseurs zur Unterstreichung seines Textes auf- und zuklappte. Anscheinend spielte er wieder eine Frauenrolle, denn er trat stets nach vorne, wenn 'Olivia' verlangt wurde.

Schließlich versteckte er sein Gesicht für einen Moment hinter dem mit einer eleganten Handbewegung entfalteten Fächer, sah mit seinen dunklen Augen über den weißen Halbkreis hinweg, in das leere Parkett, bis zu mir, hielt den Fächer dann mit einer Drehung des Handgelenkes neben sein Gesicht, um sich für seine Mitspieler unbemerkt an das Publikum wenden zu können. "Wie anmutig selbst Verachtung und Zorn auf seinen schönen Lippen wirkt", sagte er, als spräche er mich direkt an, und sein Blick, die Worte, rissen mich aus meiner zeitweiligen Versenkung in die Skizze von Ahmet mit Fächer.

Dann wandte er sich wieder an seine Partnerin, die ein Karnevalsschwert aus Plastik an der Seite trug und lässig die Hand darauf stützte, ließ den Fächer halb sinken. "Mörderische Schuld verrät sich nicht schneller, als Liebe, die sich verbergen will... Caesario, bei den Rosen des Frühlings", der Fächer schloß sich wie eine weiße Blüte, "bei meiner jungfräulichen Ehre und Treue", der Fächer wurde sanft an die durchtrainierte Brust gelegt, "und bei allem in der Welt: ich liebe dich so sehr, daß trotz deines spröden Wesens weder Verstand noch Vernunft meine Leidenschaft verbergen kann." Und mit diesen eindringlichen Worten, die mir ans Herz griffen, ließ er den Fächer langsam sinken. "Erzwinge dir nicht, weil ich dir mein Herz selbst antrage, einen Grund es zu verschmähen. Du weißt es doch selbst: gesuchte Liebe ist gut, aber ungesucht geschenkt ist sie noch besser." Sein Tonfall, das so echt scheinende Gefühl in seiner Stimme, verursachten mir eine Gänsehaut und anscheinend war ich nicht der einzige, der so empfand, denn der Regisseur und einige der anderen Schauspieler bedachten Ahmet mit einem Zwischenapplaus. Ich fiel mit ein, so gut es eben ging, mit einem Stift in der Hand. Um nichts von Ahmets großartiger Kunst zu verpassen, ließ ich das Zeichnen dann sein und folgte den Proben sehr aufmerksam. Egal, was aus uns noch wurde, ich würde sicher nicht locker lassen, bis Ahmet sich von mir mit Fächer portraitieren ließ.

Die Proben zogen sich hin bis halb neun, dann gab es eine Abschlußbesprechung, während der ich noch zwei Versuche machte, Ahmet mit dem Fächer zu skizzieren. Und endlich stand er neben mir, hatte mir anscheinend sogar schon eine Weile beim Zeichnen zugesehen. "Hey, das ist ja richtig gut", sagte er bewundernd. "Aber sehe ich wirklich so... so..."

"Findest du dich nicht gut getroffen? Die beiden hier sind aus der Erinnerung gezeichnet, aber ich finde, sie sind okay", versuchte ich mich zu verteidigen, kontrollierte anhand des Originals noch einmal meine Skizzen.

Ahmet schüttelte mit deutlich erröteten Wangen den Kopf. "Nein, Tammo, du verstehst mich falsch. Sehe ich wirklich so unverschämt sexy aus?"

Das ließ nun wieder mich erröten. Ich beschäftigte mich mit dem Verstauen meiner Utensilien. "Für mich schon", sagte ich leise, ohne ihn anzusehen.

"Scheiße, Mann", entwich ihm darauf flüsternd, und ich sah wieder auf. Er legte die Linke vor den Mund, strich sich über die schon wieder deutlich zu sehenden Bartstoppeln. "Wenn du mich so siehst, bist du anscheinend bis über beide Ohren in mich verknallt."

"Das ist wohl ein Problem, oder?" fragte ich zögernd, denn die Antwort wollte ich eigentlich nicht wirklich hören.

Ahmet öffnete den Mund und schloß ihn wieder, wie ein Goldfisch mit Rehaugen. Dann räusperte er sich, hob noch einmal an: "Wenn ich es mit den Worten des unsterblichen Shakespeares sagen darf: Tammo, bei den Rosen des Frühlings, bei meiner jungfräulichen Ehre und Treue und bei allem in der Welt: ich liebe dich so sehr, daß weder Verstand noch Vernunft meine Leidenschaft verbergen kann."

"Aber das ist völliger Blödsinn. Wir kennen uns doch noch gar nicht wirklich", wandte ich ein. "Okay, ich finde dich attraktiv, ich finde dich sehr,... verteufelt attraktiv, oh mein Gott! Aber ich kann doch nicht mit so großen Worten wie 'Liebe' um mich werfen, nachdem ich dich grade einmal vor einer Woche das erste Mal gesprochen habe."

"Und worauf soll sich Liebe begründen, wenn nicht zuerst auf das Äußerliche, auf das Begehren? Nur wenn wir aufeinander zugehen, wenn wir etwas über den anderen wissen wollen, kann Liebe entstehen, oder?" fragte Ahmet ungewohnt ernsthaft.

"Ich dachte, du studierst Sport und nicht Philosophie", gab ich ungehalten zurück. Ich hatte solche Angst, ihn mit meinen Worten zu verletzen, aber noch mehr fürchtete ich, meine eigenen, in jedem Falle begehrlichen Gefühle für ihn überzuinterpretieren.

Ahmet blieb vor mir stehen, senkte den Blick jedoch auf seine Segeltuchschuhe. "Dann laß uns etwas essen gehen und einander kennenlernen, okay?"

Ich dachte an die Gummis in meiner Hosentasche, an meine Hoffnungen am Mittag, sie noch am heutigen Tag einsetzen zu können. Und nun hatte ich es mir mit meinem blöden Mundwerk wohl zerschossen. Aber vielleicht war er ja trotz meiner Worte bereit, nach der Bekanntgabe der Ergebnisse mit mir das Bestehen von Apparatebau zu feiern. "Mit der Klausur hab' ich übrigens ein gutes Gefühl", sagte ich also.

Scheu hob Ahmet den Blick, dann lächelte er mich so herzlich an, daß mir wahrhaftig das Herz aufging. "Das ist doch wunderbar, Süßer", sagte er. "Siehst du, es war richtig, daß ich dich gestern nach Hause geschickt habe."

"Ja, war es wohl", gab ich zu. "Und wahrscheinlich hat Shakespeare auch recht. Wenn dir jemand Begehrenswertes sagt, ich liebe dich, sollte man wohl schnell zugreifen, nicht wahr?" Und ich beugte mich zu Ahmet hinunter, um ihn zu küssen.

Er fiel mir regelrecht um den Hals und erwiderte meinen Kuß so heiß, daß ich plötzlich gar keinen Zweifel mehr hatte, daß wir in dieser Nacht noch Gummis brauchen würden. Mit dem Applaus der inzwischen um uns versammelten Theatergruppe hatte ich allerdings nicht gerechnet.

* * *

nach oben

© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 17.06.2011.