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Frühlingsmagie - jugendfreie Version

von Bettina Lege

Fünf Minuten vor eins war der Laden endlich leer und mein Chef Bob packte sein Rauchzeug aus. "D'ya want some, too?" fragte er, als er meinen Blick auf seine Finger bemerkte, mit denen er eine großzügige Portion der hellgrünen Pflanzenteile mit ein wenig Tabak mischte und das Ganze in ein Zigarettenpapier drehte.

"Nein, thank you", antwortete ich, stützte mich müßig auf den Tresen, sah aus dem Schaufenster hinüber in den Park. Erst jetzt fiel mir auf, daß es anscheinend innerhalb eines Tages wahrhaft Frühling geworden war. Gestern noch hatten die Bäume ihre winterkahlen Äste in den grauen Himmel gereckt, nun sah man überall frisches Grün und der Himmel war strahlend Blau. Ob an 'meinem' Kirschbaum schon die Blüten aufgingen?

Das Klingeln des Messingglöckchens über der Tür riß mich aus meinen Gedanken, zwei leise schwatzende und lachende Frauen betraten Arm in Arm den Laden. Erwartungsgemäß sagte Bob zu mir: "Feirr'aben", ließ seine fertig gedrehte Sportzigarette am anderen Ende des Tresens auf der dunklen Holzplatte liegen und ging seinen beiden Frauen entgegen, umfaßte mit jedem Arm eine von ihnen und dückte beiden liebevolle Küsse auf die Wangen.

Inzwischen machte es mich regelrecht krank, Zeuge ihrer Schmusereien zu werden, so gewaltig krallte sich der Neid in meine Eingeweide. Bob hatte mein frustriertes Seufzen offensichtlich gehört, denn er drehte sich zu mir um. "Take it easy, dear. Somewhere o'there", und er deutete mit dem Kinn in Richtung Park, "ya'll find a young man, or rather two o'them, who're just too willin' to make love t'ya."

"Zwei?" fragte ich ungläubig. "Niemals! Das wäre auch nichts für mich." Ich merkte, wie meine Wangen zu glühen begannen, als ich mir auch nur ansatzweise vorstellte, was Bob zuhause mit seinen Frauen trieb.

"Lugerrin", gab er darauf zurück, grinste breit. "Go an' find yaself a springtime lover - and ENJOY it. D'ya want to take some weed with ya?"

"Nein, will ich nicht", gab ich zurück. Jedes Wochenende das gleiche Spielchen. Irgendwann würde ich einfach einmal 'ja' sagen, nur um sein überraschtes Gesicht zu sehen. "Ich mach' noch den Kassenabschluß...", begann ich, aber mein Chef schüttelte den Kopf. "Melissa, you'll go'n'have fun, NOW. It's an ORDER!"

"Okay, I'll go." Aber als ich die Ladentür schließlich hinter mir zuzog, war ich sehr frustriert. Es war wirklich okay, für Bob zu arbeiten, aber wenn seine Frauen ihn besuchten, wurde es furchtbar, besonders seit morgens wieder die Vögel zu singen begonnen hatten und die Sonne so kraftvoll strahlte. Das erinnerte mich zu sehr an die erste Zeit mit Joost. Mir fehlte ein liebevoller Arm um die Schulter, eine breite Brust, an die ich mich betten konnte - mir fehlte der Sex mit einem Mann. Und da ich in dieser riesigen Stadt noch immer keinen Anschluß gefunden hatte, war die Aussicht darauf auch dieses Wochenende wieder verschwindend gering.

Ob es Bob wieder an meiner 'Aura' sah, daß ich einen Lover brauchte? Oder las er meine Befindlichkeit einfach aus meinem neidischen Blick? Meiner 'Aura' hatte ich es ja zu verdanken, daß ich bei Bob arbeitete. Eigentlich hatte ich mir damals, vor inzwischen vier Monaten, nur eines der bedruckten indischen Tücher kaufen wollen. Als ich bezahlte, hatte Bob mich gefragt, ob ich nicht hinter der Ladentheke stehen wolle. Das war wie ein Geschenk gewesen, als habe er gewußt, daß ich gerade mein letztes Geld in seinen Alternativ- und Esoterikladen getragen hatte. Als habe er mir angesehen, daß ich Eltern und spießigen Freund in meiner provinziellen Heimatstadt zurückgelassen hatte, um in der Großstadt mein Glück als Sängerin zu versuchen - ohne bisher viel Erfolg damit gehabt zu haben. Meine Aura sei richtig, hatte er gesagt, als ich wissen wollte, wieso er mir einfach so den Job anbot. Und da ich bei Bob und seinem Laden gleich ein gutes Gefühl gehabt hatte, nahm ich ohne zu überlegen an. Es hatte mir definitiv Glück gebracht, denn an meinem zweiten Tag in Bobs Laden lernte ich während der Mittagspause Erika kennen, die selbst Absolventin der Musikhochschule war, außerdem jahrelang ein Engagement an der Staatsoper gehabt, sich aus gesundheitlichen Gründen jedoch von der Bühne zurückgezogen hatte. Sie wies mich auf die Aufnahmeprüfungen der Musikhochschule hin, und seitdem gab sie mir als Vorbereitung für die diesjährige Prüfung Privatunterricht.

*

Ich ging durch den Park zur U-Bahn und entschloß mich dann, wegen des wunderbaren Wetters, auf 'meiner' Bank, unter 'meinem' Kirschbaum eine Pause einzulegen. Die Knospen des Baumes sahen tatsächlich aus, als würde es nur noch wenige Tage dauern, bis sie alle aufsprangen, einige der hellrosa Blüten hatten sich sogar schon geöffnet. Und während ich in der strahlenden Sonne saß, den Baum bewunderte, wurde mir so warm, daß ich meine Jacke und schließlich sogar meinen Pullover auszog. Dann nahm ich die Partitur aus der Tasche, um sie noch einmal durchzugehen. Aus dem Augenwinkel sah ich, daß auf dem Rasenstück auf der anderen Seite des Weges zwei Jungs einen Fußball hin- und herkickten - zwei hübsche, athletische Jungs, die anscheinend wie ich selbst um die zwanzig waren, einer mit auffällig roten Haaren, der andere schwarzhaarig. Was sie sich zuriefen, verstand ich nicht, aber ich hörte ihr fröhliches Lachen und das machte mir beide gleich sehr sympathisch.

Ich mußte an Bobs Vorhersage von zwei Frühlingsliebhabern denken und merkte, wie mir allein bei der gedanklichen Übersetzung seiner Worte die Hitze in die Wangen stieg. Das war doch nichts für mich, gleich mit zweien in die Kiste zu steigen! Für Bob mochte das angehen, und seine Frauen waren damit anscheinend ja auch zufrieden, aber Männer standen doch für gewöhnlich in Konkurrenz zueinander, wenn es um Frauen ging.

Der Schwarzhaarige verschoß den Ball in einen der hohen Eichenbäume und einen Moment lagen die beiden sich lachend in den Armen. Dann suchten sie Stöcke, warfen sie nach dem Ball im kahlen Geäst und schafften es tatsächlich, ihn Stück für Stück durch die Astgabeln nach unten zu befördern, bis der etwas größere Rothaarige mit einem Sprung nach dem Ball fassen konnte und dieser endlich wieder zu Boden fiel. Sofort kämpften sie eifrig und mit viel Körperkontakt um den Ball, bis der Rothaarige ihn mit einem kräftigen Tritt quer über die Rasenfläche bis zum Weg beförderte, wo er auftraf, noch einmal hochsprang und mir bis vor die Füße kullerte.

Die Kerle bekamen sich in die Haare, aber auf eine freundschaftliche Art und Weise, scherzend, lachend, und natürlich mußte der Rothaarige den Ball zurückholen, der ein ganz gewöhnlicher, mit einem schwarz-weißen Fußballmuster bedruckter Plastikball war.

"Ich hätte gern meinen Ball wieder", sagte der Rotgelockte mit wunderbar tiefer Stimme und einem ansprechenden Lächeln im sommersprossigen Gesicht. Er war sehr groß und sah auf die zwei Schritt Entfernung trotz seines durchgeschwitzen T-Shirts und der schweißnassen Haare wirklich unverschämt gut aus. Aber warum bückte er sich nicht einfach, um den Ball aufzuheben, er lag doch direkt vor ihm. "Nimm ihn dir", sagte ich also.

Noch auf dem Rasen, aber schon dicht am Weg, also nur einige Schritte weiter entfernt, stand der Schwarzhaarige, sah zu uns hinüber, grinste breit. Im Gegensatz zu dem Rothaarigen trug er keine weite Skaterhose, sondern eine recht enge, abgeschnittene Jeans, so daß man deutlich sah, daß er einiges in der Hose hatte. Wenn ich nicht kurz zuvor das Gespräch mit Bob gehabt hätte, wäre mir das bestimmt nicht so deutlich aufgefallen, aber so schien diese Ausbeulung meinen Blick magisch anzuziehen, bis ich mir eines geradezu unwiderstehlichen Duftes bewußt wurde, den eine sanfte Brise herantrug. Du meine Güte, das mußte von dem Rothaarigen kommen und das war kein Parfum aus einem Aftershave oder irgendein Deo, das war... Natur. Meine Hormone begannen, verrückt zu spielen, und ich senkte den Blick wieder auf meine Partitur, als ich merkte, wie die Hitze in mein Gesicht stieg.

"Ach, zu blöd daß ich grad' vergessen hab', wie du heißt. So kann ich dir gar nicht dafür danken, daß du auf meinen Ball aufgepaßt hast", sagte der Rothaarige mit einer Stimme, deren dunkle Tonlage mir durch und durch ging. Ich mußte ihn nun doch ansehen.

Fast unschuldig freundlich war seine Miene, bis auf diesen schelmischen Zug um seine Mundwinkel. Das war überaus herausfordernd. Ich erwiderte sein Lächeln, und das erste Mal seit langer Zeit war ich wirklich dankbar für meine dunkle Hautfarbe, so daß er nicht sehen konnte, wie stark mir das Blut in den Kopf geschossen war. "Ach, das ist schon okay. Ich kann mir Namen auch nicht gut merken." Aber dem durchdringenden Blick aus den graugrünen Augen konnte ich dann doch nicht länger standhalten, also streckte ich mich nach dem Ball aus und reichte ihn an seinen Besitzer zurück, sah wieder auf. Wie wunderbar seine roten Locken in der Frühlingssonne glänzten, als wären sie aus Gold gesponnen.

Den Ball ignorierte er, er sah mir in die Augen. "Sitzt du öfters hier?" fragte er leise, mit einem rauhen Unterton in der Stimme. Seine Augenbrauen und Augenwimpern waren so unglaublich rot, daß ich mich von dem Anblick gar nicht lösen konnte. Und als ich versuchte zu antworten, merkte ich, wie trocken mein Mund plötzlich geworden war. Ich räusperte mich. "Ich sitze gelegentlich hier. Und selber? Spielt ihr häufiger hier?" Erstaunt stellte ich fest, daß ich mir den Ball auf den Schoß gelegt hatte, mich mit beiden Unterarmen darauf stützte und meine Partitur zerknautschte.

Er setzte sich neben mich, ließ jedoch zwei Handbreit Abstand zwischen uns, hob die Hand, als wollte er jetzt doch den Ball nehmen, ließ sie dann aber auf seinen Oberschenkel sinken. "Ich heiße Florian, und du?"

Ich atmete tief seinen Duft ein, begann, mich daran zu berauschen. Wozu brauchte ich Gras, wenn es solche Männer auf der Welt gab? "Hi Florian, ich heiße Melissa."

"Mmmmelissssa", wiederholte er flüsternd, ließ meinen Namen regelrecht auf der Zunge zergehen. "Bist du wirklich honigsüß?" Und dieses Lächeln hatte nichts Unschuldiges mehr.

Mein Bauch fühlte sich plötzlich so merkwürdig an, als wäre er in meinem Inneren schwerelos geworden. "Probier es aus", forderte ich Florian auf, bevor ich meine Zunge im Zaum hatte.

"Uuh, heiß hier", sagte plötzlich eine andere Stimme, der Schwarzhaarige war näher gekommen, leckte sich nervös über die Lippen, stand so nah vor mir, daß mein Blick zwangsläufig zunächst auf seinem prall gefüllten Schritt ruhen mußte, bis ich den Kopf in den Nacken legte, um zu ihm hochzusehen. Was hatten die beiden mit mir vor? Aber ich fühlte mich kein bißchen bedroht, eher herausgefordert und angeregt. "Flo, was wird das?" fragte der Schwarzhaarige in einem vorwurfsvollen Ton. "Ich dachte, wir wollten das Wochenende gemeinsam verbringen."

Beschwichtigend legte Florian seine Hand auf den Arm des Schwarzhaarigen. "Bleib cool, Juan", dann sah er wieder zu mir. "Sie ist bezaubernd, nicht wahr?" fragte er seinen Kumpel.

Wenn ich es nicht besser gewußt hätte, hätte ich gedacht, Bob hat mich verhext. Der Schwarzhaarige musterte seinen Freund mit einem Blick, den ich nicht lesen konnte, und Florian griff plötzlich nach meiner Hand auf seinem Ball, legte sehr zärtlich seine Finger um meine Finger, zog meinen Arm zu sich heran, so daß er sich elegant zu einem Handkuß über meine Knöchel beugen konnte. "Melissa, dürfen wir dich heute abend ausführen?"

Nun machte mein Herz Bocksprünge. Jemand, der mich ausführen wollte! Jemand, der etwas von altertümlichen Umgangsformen hielt, jemand bei dessen Attraktivität einem glatt die Luft wegbleiben konnte und der - unabhängig davon, was sein Freund heute abend noch vorhatte - offenbar etwas mit mir vorhatte. "Aber natürlich dürft ihr", antwortete ich also nach einigen Atemzügen, mit denen ich halbwegs mein inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte.

"Es ist uns eine Ehre, meine Dame", sagte Juan überraschend und verbeugte sich vor mir.

Florian ließ meine Finger nicht los, streichelte sie sanft mit seinen hellen Fingern. "Um halb sechs, hier an der Bank?" fragte er mich.

"Und wohin wollt ihr mich ausführen?" Schließlich wollte ich mich nicht durch unangemessene Kleidung zum Affen machen.

"Nichts Großes, wir sind arme Studenten... ein paar Burger, Disco, danach vielleicht noch...", aber er verstummte, sah mir wieder so tief in die Augen, daß ich das Gefühl hatte, daß er meine Erregung teilte. Zögernd lächelte er. "Ist das für dich okay?"

Meine Zunge klebte an meinem Gaumen und ich nickte nur, wieder ein Handkuß und dieses Mal berührten seine Lippen ganz hauchzart meine Finger, verursachten mir eine Gänsehaut. Noch einmal reichte ich ihm seinen Ball, er nahm ihn entgegen und Juan bückte sich nach den zu Boden gefallenen Noten, legte sie in meine Hände. "Bis heute abend", verabschiedete er sich, dann ging er wieder über den Weg auf die Rasenfläche.

Florian war sitzen geblieben und nun schoß sein Kopf blitzschnell vor, und seine Lippen berührten mich für den Bruchteil eines Augenblicks an der Wange. "Bis heute abend, Melissa", sagte er flüsternd, stand auf. Dann lief er Juan hinterher, den Ball wie eine Kostbarkeit in beiden Händen.

Die Stelle an meiner Wange, wo seine Lippen mich berührt hatten, schien zu brennen, und mein Herz klopfte so gewaltig, daß ich das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig werden zu müssen. Aber nach ein paar Augenblicken beruhigte es sich, und mir wurde bewußt, daß ich an diesem Abend tatsächlich ein Date mit zwei sehr gutaussehenden jungen Männern hatte. Und dann fiel mir ein, daß ich mit Erika verabredet hatte, heute abend zu ihr zu kommen.

*

Ich sagte die Stunde bei Erika ab, vertröstete sie auf Montag abend, erklärte kurz, daß ich eine Verabredung hätte. "Eine Verabredung, die dir wichtiger ist als Musik, Kindchen?" fragte Erika ungläubig. "Im Moment ja", bestätigte ich, dann bat sie um Details. "Meine Güte, du bist noch immer viel zu naiv!" hörte ich nach der Zusammenfassung meiner Begegnung mit den beiden Jungs dann aus dem anderen Ende der Leitung. "Die haben irgendwas mit dir vor, Kindchen."

Da konnte ich ihr nur zustimmen. Meine Hoffnung war ja, daß sie mit mir das gleiche vorhatten, wie ich mit ihnen. Immerhin waren wir alle erwachsen und zumindest Florian schien eindeutig Interesse an mir zu haben.

"Und am Montag lese ich dann in der Zeitung, daß du in einer schwarzen Messe geopfert wurdest", unkte Erika weiter.

"Ich bin auch noch nicht den Drogentod gestorben, obwohl du ihn mir schon lange prophezeist", gab ich zurück.

"Nun, dein Chef ist eben auch Geschäftsmann. Er wird dich erst einmal langsam abhängig machen, bevor er dir den Garaus macht... Aber woher willst du wissen, was für abartige Geschmäcker diese Jungs haben. Kindchen, das ist doch nicht normal, sich zu zweit mit einem Mädchen zu verabreden."

"Für die vielleicht schon. Ich glaub', die sind ziemlich gute Freunde." Bei allen Rangeleien während des Ballspiels, das ich nach unserem Gespräch noch eine Weile beobachtet hatte, war die Atmosphäre zwischen ihnen doch sehr harmonisch gewesen. Und ich hatte ein gutes Gefühl, was den Abend betraf.

"Naja, du mußt es ja wissen. Aber heul' dich dann nicht bei mir aus, wenn es doch... nein, komm' natürlich sofort zu mir, wenn irgendwas ist, Kindchen. Ich bin das ganze Wochenende zu Hause. Ruf an, wann immer du magst."

"Also dann bis Montag", schloß ich daraus.

"Bis Montag, in Ordnung", und es klickte in der Leitung.

Glücklicherweise färbte Erikas Pessimismus nicht auf mich ab. Vielleicht hatte sie recht, und ich war zu naiv, einfach an das Gute in allen Menschen zu glauben. Aber bisher war ich in diesem Glauben immer bestätigt worden, nur hatte ich gelegentlich bemerkt, daß meine Prioritäten mich anderen Leuten entfremdeten. Joost etwa war der Typ 'Häuschen im Grünen, zwei Kinder und Combi' und hatte gemeint, gerade in mir die perfekte Frau für seinen Plan vom Leben gefunden zu haben. Ich hatte es genossen, von ihm umworben zu werden, und der Sex mit ihm war auch nicht ohne gewesen, aber meinen Traum von einer Sängerkarriere wollte ich mit neunzehn noch nicht aufgeben. Meine Eltern konnten mir eine klassische Gesangsausbildung nicht finanzieren, aber sie ließen mich gehen, und auch Joost hatte schließlich eingesehen, daß es mit uns nichts werden würde. Aber nach Joost hatte es eben niemanden gegeben - bis zu diesem Tag.

Die Gedanken an Joost riefen auch meine Erinnerungen an unser erstes Date wach. Wir waren so geil aufeinander gewesen, daß wir es am liebsten die ganze Nacht miteinander getrieben hätten, aber weder er noch ich hatten an Kondome gedacht. Das sollte mir diesmal nicht passieren! Ich hatte noch welche aus meiner Zeit mit Joost, denn ich hatte ja die Hoffnung gehegt, hier in der Großstadt bald Bedarf an ihnen zu haben, aber zwischen der Arbeit und dem Privatunterricht hatte ich trotz eines freien Tages pro Woche nur wenig Zeit, und diese Zeit war meist mit der Hausarbeit, Übungen oder gelegentlichen Kompositionsversuchen draufgegangen. Mein letzter Discobesuch lag bestimmt schon ein Dreivierteljahr zurück.

Endlich fand ich die Kondome und stellte erfreut fest, daß das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen war, erst danach machte ich mir Gedanken darüber, was ich anziehen sollte. Bob hatte mir zu Weihnachten ein Kleid geschenkt, das mich an die Fotos von meiner afrikanischen Urgroßmutter erinnerte, ein schlichter, fast bodenlanger Kaftan in einem leuchtenden Blau mit großen, orange-roten, blumenartig wirkenden Flecken. Vielleicht war es in der Nacht noch zu kühl dafür, aber für den Abend dieses sehr warm gewordenen Tages würde es gehen. Ich band mir noch einen orangenen Seidenschal als Gürtel um, damit ich meine Brüste und Hüften gut zur Geltung bringen konnte und fand das Ergebnis ganz ansprechend. Hoffentlich sahen das die Jungs, insbesondere Florian, ebenso. Dann hatte ich jedoch nicht mehr viel Zeit, verstaute also die Handvoll Kondome in meiner Jeansjacke, außerdem noch ein bißchen Geld, schlüpfte in meine Schuhe und machte mich ziemlich aufgeregt auf den Weg zu meinem ersten Date in dieser Stadt.

*

Ich war ein paar Minuten zu früh, also wunderte es mich nicht, an meiner Bank niemanden zu sehen. Die Sonne stand schon recht tief, die langen Schatten der Bäume fielen über Bank und Weg, aber trotzdem setzte ich mich, um nicht nervös hin und her zu laufen. Nur mit dem dünnen Baumwollstoff des Kleides zwischen mir und der Bank fühlte sich das kunststoffbezogene Holz allerdings doch recht kühl an. Ich legte mir also die Jeansjacke als Sitzpolster unter und wartete.

Trotz meines so guten Gefühls begann ich mich mit dem Verstreichen der Minuten zu fragen, ob die beiden, oder wenigstens Florian, denn wirklich kamen. Inzwischen hatte ich sogar regelrechten Hunger. Selbst wenn es zu nichts weiter kam, wollte ich doch bald etwas zwischen die Zähne kriegen. Aber insgeheim hoffte ich natürlich, mehr von Florians sanften Fingern auf meiner Haut zu spüren, durch seine roten Locken streichen zu dürfen, vielleicht sogar einen Blick darauf werfen zu können, was sich in Juans Hose verbarg. Und als das Bewußtsein darüber sackte, tatsächlich zugleich an zwei Männer zu denken, stieg wieder die Hitze in meine Wangen. Ich lehnte mich nach hinten, betrachtete den schönen, alten japanischen Kirschbaum über mir, um mir nicht zu genau den Abend mit den beiden Kerlen vorzustellen. So würde ich später zumindest nicht enttäuscht sein. In den wenigen Stunden seit dem Mittag waren mindestens die Hälfte der Blüten aufgegangen. Sie leuchteten im Abendlicht so auffällig, als würde jede einzelne von einem Spot beleuchtet.

"Hallo, Melissa", erklang da der samtige Bass von Florian. Und er war nicht allein gekommen. Ich bekam wieder Herzklopfen bei dem Anblick, dabei trugen beide nur bedruckte T-Shirts und gewöhnliche Jeans. Juan hatte sein kurzes, schwarzes Haar anscheinend mit Stylinggel bearbeitet, denn es stand gewollt wild in alle Richtungen, aber Florian hatte seine roten Locken gelassen, wie sie waren, und das war einfach perfekt.

"Wow, du siehst gut aus, Süße", sagte Juan nach einem bewundernden Pfiff, reichte mir seine Rechte, um mir aufzuhelfen. Noch ein Kavalier also. Florian gab mir meine Jacke, sah in die Runde. "So, also Burger oder lieber Chinamann?"

Es wurde drei zu null für das Chinarestaurant, das gleich hinter dem Ausgang des Parks, zwei Häuser neben Bobs Laden lag. Wir setzten uns in eine der schummrigen Ecken, nahmen die Speisekarten entgegen, aber ich sah gar nicht hinein. Ich war wenigstens dreimal in der Woche in der Mittagspause hier und hatte meine Favoriten.

"Hast du gar keinen Hunger?" fragte Juan erstaunt, als er sah, daß ich die Karte nicht aufschlug. "Na, dann lad ich dich sogar alleine ein, wird ja billig werden." Und sein Gesicht wurde von einem so strahlenden Lächeln beleuchtet, daß mir ganz warm ums Herz wurde. Dieser junge Mann mit den langen, außergewöhnlich dichten, schwarzen Wimpern um die dunkelbraunen Augen war ja eine wahrhafte Schönheit!

"Freu dich nur nicht zu früh", gab ich zurück. "Ich weiß nur schon, was ich nehme. Ich arbeite praktisch nebenan."

"Etwa in dem Kiffershop?" fragte Juan mit ungläubig hochgezogenen Brauen. Da Bob auch afrikanische Vorfahren hatte, lag es wohl nahe, das zu vermuten. Aber den 'Harmony' als 'Kiffershop' zu bezeichnen, fand ich doch etwas unangebracht. Florian erkannte offenbar mein Unbehagen, denn er knuffte Juan mit dem Ellbogen. "Nur weil ich mir dort mein Dope besorge, heißt das nicht, daß das ein Kiffershop ist."

"'Tschuldigung", gab Juan wenig entschuldigend zurück. "Aber Bob ist ein Kiffer wie er im Buche steht. Es fehlt ihm nur eine Strickmütze in den Kubanischen Farben auf seinen Dreadlocks."

Offenbar kannte Juan meinen Chef wirklich, denn ich mußte zugeben, daß diese Beschreibung absolut ins Schwarze traf, und das breite Grinsen konnte ich nicht verhindern. Ich versuchte, es hinter meiner Hand zu verstecken.

"Kiffst du auch?" fragte Florian plötzlich neugierig.

"Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Hab' ich auch noch nie."

"Hey, dann solltest du es vielleicht mal ausprobieren", sagte er eifrig. "Wir könnten ja statt Disco..." Das Geräusch, das Florian zum Verstummen brachte, mußte ein Tritt gegen sein Bein gewesen sein, so schmerzerfüllt wie sein Gesicht sich verzog. Juan erwiderte seinen vorwurfsvollen Blick nicht, sondern war plötzlich auffällig mit dem Studium der Speisekarte beschäftigt.

"Ich kann die Sauerscharf-Suppe nur wärmstens empfehlen", sagte ich in das eisig werdende Schweigen der beiden. "Und streitet euch bloß nicht wegen mir", setzte ich hinzu. "Ich bin schon ein großes Mädchen und weiß, wie weit ich gehen will. Ich sag' Bescheid, wenn mir was nicht paßt."

Darauf sahen mich die beiden so sehnsüchtig an, daß mir doch etwas mulmig wurde. "Also keine Disco?" fragte ich leise.

"Ähm, laßt uns doch erst mal futtern, und dann die weitere Planung machen", warf Florian ein. "Kommt ja auch ein bißchen drauf an, wie viel wir essen", gab Juan zu bedenken. "Mit vollem Magen gleich in der Disco rumhopsen ist nicht so eine tolle Idee."

"Da spricht unser erfahrener Rückwärtsesser", lästerte Florian. "Wenn ich daran denke, wie du..."

"Das sollten wir vielleicht nicht gerade beim Essen erörtern", unterbrach Juan ihn, sah mich etwas ängstlich an, aber dann erkannte er wohl, daß ich mich prächtig amüsierte. Diese Mischung aus jungenhaftem Eifer und erwachsenem Anstandsdenken, die Bemühungen beider, mich bei bester Laune zu halten, auch wenn der andere es in ihren Augen zu torpedieren schien, fand ich einfach großartig. "Kennt ihr euch schon lange?" fragte ich.

"Seit einem halben Jahr wohnen, essen, schlafen, f...", Florian wurde rot und unterbrach sich mitten im Wort.

"...studieren wir zusammen", half Juan souverän aus. "Ich habe die Wohnung schon seit einem Jahr, Florian ist zum Anfang dieses Semesters eingezogen."

"Ist wirklich eine schöne Wohnung", warf Florian ein, "gleich hier um die Ecke. Mußt du dir unbedingt ansehen."

"Irgendwann", ergänzte Juan und warf Florian einen bösen Blick zu.

"Warum dann nicht nach dem Essen, wenn sie so nah ist?" fragte ich, denn mit den aus seinen Worten so offensichtlich erkennbaren lüsternen Gedanken hatte Florian mich inzwischen schon ziemlich heiß gemacht.

Meine Worte zauberten eine Variation von Rottönen auf die Wangen meiner beiden Kavaliere. "Äh, gern", raffte Juan sich auf, Florian schluckte nur schwer.

War ich etwa doch zu forsch gewesen? Aber eigentlich sah Florian bei aller Röte in seinem Gesicht recht zufrieden aus, als könne er sein Glück kaum fassen.

"Nur auf einen Kaffee", stellte Juan klar, als müsse er eine Reißleine ziehen, um die Geschwindigkeit zu drosseln. "Der Kaffee hier ist nämlich grauenhaft." Aber auch bei seinem Gesichtsausdruck hatte ich das Gefühl, daß es nicht der Gedanke an Kaffee war, der zu diesem sinnigen Lächeln auf seinen Lippen führte.

Ich stützte das Kinn auf die Hand und lächelte zurück, dachte an sein eindrucksvolles Profil. "Aber ja, nur auf einen Kaffee", behauptete ich.

*

Während des Essens lockerte sich die Stimmung wieder etwas, die Jungs hatten ein unverfänglicheres Thema gefunden und damit begonnen, von ihren früheren Lehrern und jetzigen Professoren und deren Marotten zu erzählen. Und ich hörte vor allem zu, erfreute mich an Florians jugendlichem Bass und Juans kraftvollem Bariton, während sie von schusseligen Wirrköpfen und schmierigen Karrieristen berichteten. Und dann wurde kassiert.

Die beiden legten für die Rechnung zusammen und luden mich tatsächlich ein, dann nahmen wir die Glückskekse und gingen nach draußen. Es war merklich frischer geworden, also zog ich meine Jacke über, aber um meinen erhitzten Schoß war die Kühle angenehm. Und als dann noch immer keiner wagte, seinen Keks auseinander zu brechen, machte ich den Anfang. "Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt", eröffnete mir das Orakel.

"Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück", las Juan kurz darauf leise vor, und von Florian kam: "Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt." Dann seufzte er sehnsüchtig, sah mich fragend an. "Also zu uns?" und streckte die Hand nach mir aus, "...äh, zum Kaffee", erinnerte er sich dann noch.

Ich war im Zweifel, ob ich seine Hand nehmen konnte, denn auch Juan streckte mir nun eine Hand entgegen, mit auffällig wohlmanikürten Nägeln, die im aufflammenden Laternenlicht glänzten, als wären sie lackiert. Eigentlich wollte ich beide Hände ergreifen, aber konnte ich das wirklich machen? Die beiden waren doch gute Freunde, und es wäre nicht die erste Männerfreundschaft, die durch eine Frau zerstört wurde. Aber so eine Frau wollte ich nicht sein. Vielleicht war es besser, doch auf den Discobesuch zu bestehen.

"Eigentlich teilen wir doch immer alles", sagte Florian langsam, sah Juan fragend an und der nickte. "Da hast du recht. Aber vielleicht will Melissa nicht geteilt werden."

Mit von plötzlicher Panik fast zugeschnürter Kehle griff ich jetzt beherzt mit beiden Händen zu, nahm Juans Hand in die Rechte und Florians in die Linke, schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. "Es kommt darauf an, wie ihr mich zu teilen gedenkt", erklärte ich dann. "Ich könnte mir so einige Methoden vorstellen, denen ich nicht abgeneigt wäre." Wie es wohl wäre, von zwei Paar Männerhänden liebkost zu werden, beide Männer in mir zu spüren?

Sie griffen nun fester um meine Hände, und Florians Hand schien plötzlich schweißnaß. Er räusperte sich. "Du willst wirklich,... ich mein', wenn du nicht willst, dann...", hilfesuchend sah er zu Juan.

Juan griff meine Hand nun mit beiden Händen, sah mich aus seinen dunklen Augen lange an. "Sie hat gesagt, sie weiß, wie weit sie gehen will." Das hatte ich und ich nickte, empfing seinen zarten Kuß auf meine rechte Wange.

"Ja, das hat sie", flüsterte Florian dicht neben meinem linken Ohr und küßte mich ebenfalls auf die Wange. Das Kribbeln der Erregung war fast unerträglich in diesem Moment und ich wünschte, wir wären schon in der angeblich so nahen Wohnung der beiden. Als teilten sie meinen Wunsch, hakten sie sich beide bei mir unter, liefen mit mir bis zur nächsten Straßenecke, noch ein paar Meter in die Nebenstraße hinein, bis wir drei mit heftigem Herzklopfen, nach Luft schnappend vor einer Haustür zum Stehen kamen. Juan schloß auf, nahm zwei Treppenstufen auf einmal, um rasch zur richtigen Etage zu kommen, Florian zog mich hinterher, als könne keiner der beiden jetzt auch nur noch eine Minute länger warten, und auch ich sehnte mich danach, mehr von ihnen zu spüren, als nur die flüchtige Berührung ihrer Hände.

*

Florian lehnte sich von innen gegen die Wohnungstür, drückte sie auf diese Weise ins Schloß, dann stand er einfach nur da, keuchend, sah mich an.

Juans Hände streiften mir währenddessen langsam die Jeansjacke von den Schultern, er legte seine Lippen an meinen Hals, zog eine Spur aus Küssen bis in meinen Nacken. "Deine Haut duftet so wunderbar", flüsterte er, die Lippen noch an meiner Haut. "Und sie ist so warm, als wärst du die Vorbotin des Sommers."

Ich nahm einen dezenten Parfumgeruch an ihm wahr, der wohl von dem Stylinggel oder einem Aftershave stammte, aber es war keiner dieser billigen, synthetischen Düfte, die mir gewöhnlich Kopfschmerzen bereiteten. Um ganz zu genießen, schloß ich die Augen, griff in sein feines Haar, versank in seiner Umarmung, ohne etwas dazu zu sagen. Er stand so dicht hinter mir, daß ich ihn spürte, seine Arme um meinen Oberkörper, die schlanken Hände auf meinen Brüsten ruhend. Doch als ich meinen Kopf an seinen schmiegen wollte, war Florian bei mir, betörte mich erneut mit seinem Körpergeruch, nahm mein Gesicht in beide Hände und legte sanft die Lippen auf meine, küßte mich, drang mit der Zunge vorsichtig zwischen meine Lippen und nur zu bereitwillig gewährte ich ihm Einlaß. Ich schmolz dahin, zwischen den beiden erregten Männern, die sich nun ungeniert an mir rieben, fühlte hundert Hände an meinem Leib, an meinen Brüsten, meinem Po und meinen Beinen, liebevoll streichelnd, begehrlich knetend. Der fest um mich geschlungene Schal verschwand und einer der beiden schob das Kleid hoch, bis meine Knie, die Oberschenkel, meine unbekleidete Scham enthüllt waren, und ich ließ mit zittrig werdenden Knien und geschlossenen Augen alles geschehen. Es fühlte sich so gut an, zugleich von zweien begehrt zu werden, wie eine Auszahlung mit Zinsen für die viel zu lange geschlechtsverkehrlose Zeit.

"Ich kann nicht mehr warten", stöhnte Juan, "kommt mit." Er entzog meinem Rücken die Wärme seines Körpers, griff nach der Hand, die ich in Florians T-Shirt gekrallt hatte. "Ja, zum Bett", keuchte Florian halb in meinen Mund, hob mich hoch, als sei ich eine Feder und trug mich durch den Flur in einen der angrenzenden Räume, drückte mir einen Kuß auf die Stirn, während er mich auf eine Matratze legte. Juans Hände griffen nach dem Saum meines Kleides, gemeinsam zogen sie es mir über den Kopf, streichelten meinen Leib, meine Brüste, die Innenseite meiner Oberschenkel. Ich legte beide Hände auf meine Scham, so lange ich noch einen Funken Verstand in mir hatte: "Nur mit Gummi", sagte ich mühsam, denn meine Lust überwältigte mich fast.

"Natürlich", flüsterte Florian oder Juan an meinem Ohr, einer hantierte an einer Schublade, bevor ich mich ganz aus dem Strudel des Begehrens gekämpft hatte und nach meiner Jacke fragen konnte. Also stützte ich mich auf den Ellbogen und beobachtete Juan, der sich schon des T-Shirts und der Jeans entledigt hatte. Sein erhitztes Gesicht näherte sich, er küßte mich zögernd auf den Mund, noch einmal, länger, fordernder. Wie anders er schmeckte als Florian, doch ebenso gut. Seine schlanken Hände legten sich um meinen Leib, zogen mich näher.

...

"Tut mir leid, meine Süße, ich konnte einfach nicht mehr an mich halten." Er küßte mich, leckte hauchzart an meiner Ohrmuschel. "Ich mache es wieder gut, ganz bestimmt."

Doch ich lag ganz zufrieden auf der Matratze, streichelte Juans sorgfältig rasiertes Kinn und die fast haarlose Brust, sah in seine dunkelbraunen, mit grün und grau gefleckten Augen. "Es hat mir großen Spaß gemacht." Aber wo war Florian geblieben? Da entdeckte ich aus dem Augenwinkel seine roten Haare. Hatte er die ganze Zeit nackt neben uns auf der sehr breiten Matratze geruht und zugesehen?

Er schob Juans Hände in einer sehr rücksichtsvollen, geradezu zärtlichen Art beiseite. Seine ungewöhnlich helle und glatte Körperbehaarung war so faszinierend, daß ich mit meinen Fingern hindurchstrich, das seidenweiche Haar kraulte. Wieder nahm Florian mein Gesicht in beide Hände, küßte mich auf den Mund, ließ dann die Lippen zu meiner Schulter wandern.

...

"Mmmmelissssa", flüsterte Florian mir ins Ohr, "du Honigsüße, was wünscht du dir noch?"

Ich küßte ihn kurz, sah an die weiß gestrichene Decke des großen Zimmers. War es zu unverschämt, mir beide zu wünschen? Aber ich wagte doch nicht, danach zu fragen, sondern drückte nur erst dem einen, dann dem anderen noch einen Kuß auf die Wange. Und ich sang leise: "I could say 'bello, bello', even say 'wunderbar', each language only helps me tell you how grand you are", denn auch wenn ich mit Erika zur Zeit Schubertlieder studierte, bevorzuge ich doch Swing. Dann versuchte ich meinerseits, beide zu umarmen, wuschelte durch Florians Locken und Juans feines weiches Haar. "I've tried to explain, bei mir seid ihr schön, so kiss me, and say you understand."

Beide verstanden meine Aufforderung und kamen ihr nach, Juan küßte meine Lippen, Florian meine Brüste, bis er sich ebenfalls über mein Gesicht beugte. "Du hast eine wunderbare Stimme. Hast du schon einmal überlegt, die Singerei professionell zu betreiben? Die hiesige Musikhochschule hat einen guten Ruf und..."

"Laß sie doch, Flo. Nur weil sie außergewöhnlich gut singt, heißt das ja nicht, daß sie das berufsmäßig machen möchte", warf Juan ein.

"Eigentlich wollte ich dieses Jahr sogar die Aufnahmeprüfung mitmachen", erklärte ich, streichelte noch einmal die wilden roten Locken, die Florian ins Gesicht fielen.

"Du BIST also Sängerin. Siehst du Juan, ich hatte recht!", rief Florian triumphierend aus, grinste Juan an und beugte sich dann über mich zu ihm hinüber, um ihm einen langen Kuß zu geben. Was wurde das denn jetzt?

Juan merkte wohl, daß ich mir gerade etwas überflüssig vorkam, denn er löste sich von Florians Lippen. "Nicht eifersüchtig werden", beschwichtigte er mich. "Und ich glaube, ich weiß was dir gefallen würde. Was meinst du, Flo?"

...

"Hey, was ist? Bereust du es etwa?" fragte Florian besorgt, küsste mich wieder, so begehrlich, als wollte er nun noch eine dritte Runde.

Ich ließ mich erschöpft in den Halt seiner Arme sinken. "Ich bin doch einfach nur glücklich", erklärte ich leise. "So überaus glücklich."

"Bei mir bist du schön, please let me explain, bei mir bist du schön means you're grand", sang nun Florian leise, und sein warmer Bass hallte in seinem Brustkorb wider und durchdrang mich. "Bei mir bist du schön, again I'll explain, it means you're the fairest in the land", fiel Juans Bariton ein.

Obwohl ich mich so wunderbar geschafft fühlte und so geborgen an Florians breiter Brust ruhte, mußte ich angesichts dieser Singstimmen doch fragen: "Ihr seid Sänger, oder?"

"Ja, wir studieren an der Musikhochschule und singen in einem Vokalensemble", bestätigte Juan.

"Vielleicht können wir ja mal das Berufliche mit dem Privaten verbinden", schlug Florian vor. "Zumindest solange du daran Spaß hast", ergänzte Juan.

Dann wäre mein Glück wohl vollkommen, aber ich schwieg und kuschelte mich an Florians Brusthaar, sog seinen Duft ein. Wieso hatte ich keinen der beiden früher kennengelernt, wo Florian das 'Harmony' doch wohl öfter besuchte? Aber nun hatte ich sie ja gefunden. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob es allein der Frühling gewesen war, der dafür sorgte, oder ob auch Bob die Finger im Spiel gehabt hatte.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 16.01.2012.