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Überlegungen zum Mosaikbildnis Karls des Großen
im 'Karlsdenkmal' in Rechtenfleth

von Bettina Lege

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Das Objekt der Betrachtung

Abb.1, Originalbauzeichnung des Karls-Denkmales der Gebr. KüsthardIm 'Allmers-Heim' in Rechtenfleth liegt ein sechsseitiges Faltblatt aus, umfangreich illustriert, der Text verfaßt von Gert Schlechtriem und mit dem Titel: 'Hermann Allmers und sein Heim in Rechtenfleth'.(1) Wie gleich anfangs hervorgehoben wird, zeigt die ganzseitige Farbabbildung in diesem Faltblatt das "baldachinartige(..) Gehäuse errichtet für ein Mosaikbild Karl des Großen" (Abb.1 und 2).
Abb.2, Foto des Mosaikbildnis im Karls-DenkmalDie Abbildungen zeigten das romanisierend-antikisierende Tabernakel nebst dem Mosaik an seiner Rückwand, das außerhalb des allmerschen Grundstückes direkt am Deich steht. Das Mosaik zeigt das etwa lebensgroße Brustbild eines bärtigen aber eher jugendlich aussehenden Mannes vor Goldgrund. Der Schriftzug im Mosaik, dem Halbkreisschwung seines oberen Abschlusses folgend, bezeichnet den Mann als CAROLUS MAGNUS, dazu trägt er eine Krone, hält in seiner Linken einen goldenen Stab, auf dem ein großes Kreuz befestigt ist und in seiner Rechten aufrecht ein zweischneidiges Schwert. Die Handschuhe, die er trägt, sind reich mit Gold verziert. Über einem anscheinend lang-ärmligen weißen Gewand, das über der Brust blau verziert ist, trägt er einen über seiner rechten Schulter mit einer goldenen Schließe zusammengehaltenen Purpurmantel.
Es entstand 1899, im Archiv des Lk.Cuxhaven hat sich eine Bauzeichnung der ausführenden Gebrüder Küsthardt aus Hildesheim erhalten.(2)

In einem langen und interessantem Gespräch mit dem in Rechtenfleth ansässigen Lehrer Herrn Heinz Thies im Sommer 1993, im Anschluß an die damalige Jahresversammlung der Allmers-Gesellschaft, erwähnte er einen Vortrag zu dem Mosaikbildnis, in dem darauf hingewiesen worden sei, daß sich dieses Karlsbildnis von allen anderen be-kannten in einem Punkt deutlich unterscheide. Leider konnte Herr Thies sich jedoch weder an den Namen des Vortragenden erinnern noch an den Punkt der Unterscheidung.
Schlechtriem verweist in dem Faltblatt darauf, daß "eine niedersächsische kunstgeschichtliche Zeitschrift 1980 Küsthardts Werken einen großen Aufsatz gewidmet und dabei besonders das Karlsdenkmal zu Rechtenfleth herausgestellt" hat. Für mich lag nahe zu vermuten, daß dieser Aufsatz und der Vortrag, den Herr Thies im Sommer 1993 erwähnte, eng miteinander zu tun haben, doch auch aus dem Faltblatt geht weder der Titel der Zeitschrift noch der Name des Verfassers hervor. Denkbar wäre es, daß Herr Schlechtriem selbst der Verfasser des bewußten Artikels ist und sich aus Bescheidenheit nicht nennt - der Vortragende war er jedoch wohl nicht. Die gewissenhafte Durchsicht verschiedener Bibliographien zur Kunstgeschichte (u.a. Art Index) förderte für den fraglichen Zeitraum allerdings keinen Artikel zu Küsthardt in Rechtenfleth zutage.
Das alles spornte meinen wissenschaftlichen Ehrgeiz an und führte mich zu dem voreiligen Schluß, es müsse etwas mit der Kaiserkrone zu tun haben, denn das Mosaikbildnis wird von der deutschen Reichskrone gekrönt.

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Karls Krone

Abb.3, die Reichskrone in FrontalansichtDie heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg aufbewahrte Reichskrone besteht in ihrer erhaltenen Form aus zehn verzierten goldenen Einzelteilen (Kreuz, Bügel, zwei große, zwei mittelgroße und vier kleinere hochrechteckige Platten mit halbrundem oberen Abschluß), die ursprünglich nur mit Scharnieren ver-bunden oder zusammengesteckt waren. Alle Teile sind mit gemugelten Edelsteinen, Perlen und Goldfiligran verziert, in vier der kleineren Platten sind darüber hinaus emaillierte Goldplatten eingesetzt. Drei der Emails zeigen alttestamentarische Könige (Salomon, David und Hiskia mit dem Propheten Jesaja), eines Christus als Weltenrichter. Die Platten der Krone sind im Wechsel großer und kleiner Platten zu einem Achteck zusammengesetzt, die beiden größten bilden die Vorder- und Rückseite der Krone, zwischen ihnen spannt sich der Hochbügel. Das Kreuz ist in eine dafür vorgesehene Halterung in der Stirnplatte eingefügt (Abb.3).
Abb.4, A.Dürer, Karl der Große als KaiserTrotz der Schematisierung des Mosaiks ist zu erkennen, daß in Rechtenfleth die Reichskrone dargestellt wurde, der 800 n.Chr. gekrönte Karl der Große also eine Krone trägt, die - für welchen Kaiser sie nun auch gefertigt sein mag (3) - frühestens Ende des 10. Jahrhunderts n.Chr. entstanden ist.

Schon eine Stunde Beschäftigung mit den neueren, gut bebilderten Werken zur Historienmalerei des 19. Jahrhunderts fördert weitere Karlsdarstellungen (4) mit der Reichskrone zutage.
Abb.5, A.Dürer, Karl der Große als Kaiser, Detail KroneAm meisten auf die Karls-Darstellungen des 19. Jahrhunderts dürfte das Gemälde Albrecht Dürers von 1512 gewirkt haben. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit der Stadt Nürnberg für die Heiltumskammer, in der die Reichskleinodien aufbewahrt wurden und zeigt Karolus Magnus als stattlichen Greis im herrscherlichen Ornat, mit dem Schwert in der Rechten, dem Reichsapfel in der Linken und bekrönt von der Reichskrone. Strieder weist darauf hin, daß die Herrscherinsignien, mit denen Karl der Große versehen ist, historisch genau gezeichnet sind.(5) Das Gemälde befindet sich heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Abb.4 und 5).

Abb.6, A.Rethel, Farbentwurf zum Fresko 'Otto III. in der Gruft Karls des Großen'
Abb.7, A.Rethel, Farbentwurf zum Fresko 'Otto III. in der Gruft Karls des Großen', Detail KroneAbb.8, A.Rethel, ausgeführtes Fresko 'Otto III. in der Gruft Karls des Großen', Detail Krone

Alfred Rethel (*1816 - +1859) entwarf 1840 die seit 1847 ausgeführten Karls-Fresken für den 'Kaisersaal' des Rathauses in Aachen, darunter der Sturz der Irminsäule, die Schlacht von Cordoba und Karls Einzug in Pavia, sowie 'Otto III. in der Gruft Karls des Großen' (Abb.6, 7 und 8).(6)
In keiner der Szenen aus seinem Leben wird Karl der Große mit der Reichskrone dargestellt, nur das Standbild (oder die thronende Mumie?) Karls, vor der Otto III. kniet, trägt die Reichskrone. Dabei ist aus dieser Darstellung nicht erkennbar, ob Karl hier von Rethel oder seinem Auftraggeber als Sinnbild des Reichsgedanken verstanden wurde oder ob Otto III. Karl als Reichgründer ehrt, ihm also die Kaiserkrone aufgesetzt hat.

Abb.9, E.v.Steinle, Fresko 'Die Römische und Romanische Periode'

Aus dem mir zugänglichen Bildmaterial (7) wird leider nicht ganz deutlich, ob es sich bei der im zweiten Weltkrieg zerstörten Karlsdarstellung im Treppenhaus des Wallraf-Richartz-Museum in Köln um einen Karl mit Reichskrone handelt, der erkennbare Umriß legt es jedoch nahe (Abb.9 und 10).
Abb.11, H.v.Dörnberg, Karl der Große als KaiserAbb.10, E.v.Steinle, Fresko 'Die Römische und Romanische Periode', Detail KroneDas Fresko mit dem Titel 'Die Römische und Romanische Periode' wurde 1856 von Edward von Steinle (*1810 - +1886) entworfen und in den Jahren von 1861 bis 1864 ausgeführt. Da der thronende Karl im reifen Mannesalter hier das Pendant zu dem ebenfalls thronenden und das antike Erbe personifizierenden Konstantin bildet, liegt nahe, ihn ebenfalls als über die Person 'Kaiser Karl der Große' herausgehoben zu sehen, als Personifikation des gesamten frühen deutschen Kaisertums bis 1248.(8)

Abb.12, H.v.Dörnberg, Karl der Große als Kaiser, Detail KroneUnd schließlich findet sich im Allmersheim selbst eine dritte Darstellung Karls des Großen als stehender Greis mit Reichskrone, das 1867 in Allmers' Auftrag entstandene Ölgemälde von Heinrich von Dörnberg, daß Carolus Magnus in Ganzfigur, mittelalterlicher herrscherlicher Tracht, sowie mit Reichsapfel, Schwert und Krone zeigt. Die Krone ist keine genaue Darstellung der Reichskrone, ist aber ähnlich genug, um die Reichskrone darin zu erkennen (Abb.11 und 12).

Abb.14, J.-V.Schnetz: Charlemagne entourè de ses principaux officiers reçoit AlcuinAbb.13, J.-V.Schnetz: Charlemagne entourè de ses principaux officiers reçoit Alcuin, Detail KroneDie Reichskrone galt bis weit in das 19.Jahrhundert hinein als die Krone Karls des Großen. Zudem hat man es hier mit eine anschauliche Verknüpfung zweier Symbole, dem Reichsgründer und der Reichskrone zu tun, durch die wohl auch die Kaiseridee bzw. der Nationalgedanke gewissermaßen in der Potenz symbolisiert wurde. Begreiflicherweise trägt Carlemagne in der französischen Historienmalerei des 19.Jahrhunderts die deutsche Reichskrone nicht (Abb.13 und 14). Nähere Nachforschungen habe ich zu diesem Thema jedoch nicht unternommen.

Als ungewöhnlich kann die Darstellung Karls mit Reichskrone im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland also nicht gelten.

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Was ist also ungewöhnlich am Rechtenflether Karlsbildnis?

Da es nicht die Krone ist, die das Karlsbildnis von anderen unterscheidet und der architektonische Rahmen des Mosaiks nicht in diese Betrachtung einbezogen werden soll, muß man sich noch einmal das Bildnis in Rechtenfleth vergegenwärtigen. Die herrscherliche Pose mit erhobenem Schwert und fest umfasstem Kreuzstab findet sich ähnlich in dem Karlsbildnis Dürers, auch wenn Karl bei Dürer den Reichsapfel in der Linken hält. Die Kleidung, sowie Frisur und Bart machen den Eindruck mittelalterlicher Mode, die der dargestellten Person angemessen sind. Es ist jedoch - gerade im Vergleich zu dem Dürerbildnis - auffällig, daß Karl in dem Mosaik als jugendlicher, vielleicht dreißigjähriger Mann dargestellt worden ist. Karl wurde 742 geboren, am 25.12.800 in Rom zum Kaiser gekrönt und starb 814, also im Alter von 72 Jahren. Damit ergibt sich, daß er bei seiner Krönung 58 Jahre alt war.
Abb.15, Büstenreliquar, ideales Bildnis Karl des GroßenKarl als Kaiser ist also immer an die 60 Jahre alt oder älter, ein dreißigjähriger Kaiser Karl ist somit ein klarer Anachronismus.

Dürer und die späteren Künstler zeigen Karl den Großen als reifen weißbärtigen Mann. Das um 1350 entstandene Büstenreliquar mit der Hirnschale des hl. Karl in Aachen zeigt einen jugentlichen, idealtypischen König (Abb.15), in der Zeit wohl ohne Anspruch der Portraitsabbildung. Ansonsten sind mir jedoch keine jugendlichen Bildnisse von Karl dem Großen als Kaiser bekannt.

Es könnte also sein, daß bei dem Vortrag, an den sich Herr Thies erinnert, betont wurde, wie ungewöhnlich es sei, daß Kaiser Karl auf dem Mosaik des Karls-Denkmales in Rechtenfleth so jugendlich dargestellt wird.

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Abbildungsnachweise

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Anmerkungen

1. Im weiteren 'Faltblatt'.

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2. So Axel Behne und Oliver Gradel: Einleitung - Herrmann Allmers und seine Künstlerfreunde, in: Mensch sein und den Menschen nützen - Herrmann Allmers und seine Künstlerfreunde (Katalog zur Ausstellung zum 100.Todesjahr von H.Allmers), Otterndorf 2002, S.9-23, Bildunterschrift S.12.

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3. Die Forschungsmeinungen reichen von Otto I. (973-982 n.Chr.) bis zu dem auf dem Bügelkamm genannten Konrad (wohl Konrad II., zu seiner Kaiserkrönung 1027 in Rom). Siehe zu einer kurzen Forschungsübersicht etwa Mechthild Schulze-Dörrlamm: ...und sie war doch für Konrad II. bestimmt, in: Archäologie in Deutschland, Heft 4, 1990, S.4-9, ausführlicher dies.: Die Kaiserkrone Konrads II. (1024-39) - eine archäologische Untersuchung zu Alter und Herkunft der Reichskrone. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 32, 1991. Mich hat die Argumentation von Frau Schulze-Dörrlamm nicht überzeugt (die Monographie kenne ich nicht!) und ich halte die Kaiserkrone weiterhin für ottonisch, wie etwa Hermann Fillitz: Ottonische Goldschmiedekunst, in: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen (Ausstellungskatalog), Hildesheim 1993, S.173-190.

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4. Für mich leider bisher nicht erreichbar war das Buch von Clemen: Die Portraitdarstellungen Karls d.Gr., Aachen 1890. Aus der bibliographischen Angabe ging nicht hervor, ob das Werk sich mit Portraitdarstellungen im strengen Sinne auseinander-setzt, oder allgemeiner mit den bildlichen Darstellungen, also etwa auch im histori-schen Kontext.

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5. Peter Strieder in: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (Führer durch die Sammlungen), München 1977, S.84.

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6. Zu den Rethel-Fresken in Aachen siehe etwa H. Franck: Die Karlsfresken A. Rethels, 1939; D. Hoffmann: Die Karlsfresken A. Rethels, Diss. Freiburg 1968; P. Schönen, in: Karl der Große, Ausstellungskatalog, Aachen 1965; H. v.Einem, in: Karl der Große, 4, 1967; ders.: Die Tragödie der Karlsfresken A. Rethels, Köln 1968.

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7. Besseres Bildmaterial findet sich möglicherweise bei Rolf Andrée: Die Fresken Steinles im ersten Wallraf-Richartz-Museum, in: Museen in Köln Bulletin 2/1963, Heft 2, S.155-160.

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8. Das Datum ergibt sich aus der dargestellten Szene der aus dem Stadttor ziehenden Kreuzritter. Daran schließt das Bildprogramm des zweiten der beiden monumen-talen Fresken an, 'Die Mittelalterliche Periode', deren Personen und Szenen die Zeit von 1248 bis etwa 1550 darstellen. Siehe hierzu etwa Sabine Schulze: Bildpro-gramme in deutschen Kunstmuseen des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. u.a. 1984, S.267 ff, dort auch Steinles Erklärung der Fresken.

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zuletzt geändert am 25.03.2010.