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Die Personen

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Die Prinzessin aus Marzipan

Phantasiestück in fünf Aufzügen

von Bettina Lege

 
Für meine Muse

 

Die Personen:

Socratis, Hofzauberer,
Hugo, Hofastronom,
Seine Majestät König Ferdinand von Schwarzberg,
seine Gattin, Ihre Majestät Königin Amalie von Weißenburg,
beider Sohn, Prinz Jakob,
Prinzessin Helene von den Nordsümpfen, als Geist und lebend,
Meister Zacharias, ein gewerblicher Drachentöter,
ein Astronomenlehrling,
zwei Jünglinge und ein Holundergeist.

Außerdem:
Janosch Einauge, Minister in Schwarzweiß - Burgberg,
ein Wanderprediger von der Goldenen Schüssel, kahl,
eine Schaustellertruppe,
ein Dämon, Metrol-hicker,
ein Hofbildhauer
und ein Konditor,
ein toter Prinz von den Silberbergen, im Sarg,
ein Bauer,
Hofstaat, Gesinde, Volk, viel Marzipan und ein
Uhu.
 

Ort der Handlung:

Wasserburg 'Königsblick',
Regierungssitz des Königreiches Schwarzweiß - Burgberg

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1. Aufzug, 1. Bild

Thronsaal der Wasserburg 'Königsblick'

"Eine Katastrophe, Majestäten, eine Katastrophe!" schrie der Hofastronom und rannte mit geschürzter Robe durch die hallenden Gänge auf die offene Tür des Thronsaales zu, in dem Königin Amalie von Weißenburg und ihr Gatte, König Ferdinand von Schwarzberg, Hof hielten. Der sternbestickte Samtumhang wehte hinter dem Hofastronomen her, wie ein Paar purpurner Flügel.
"Eine Katastrophe!" rief der Hofastronom erneut, dann erreichte er den Thronsaal und warf sich knapp hinter der Türschwelle auf die Knie, ein zerknautschtes Papier fest in der Faust haltend. Der ganze Hofstaat wandte ihm erstaunte Augenpaare zu, mit Ausnahme des Ministers, der als Janosch Einauge bekannt war. Der Bauer, der Ihren Majestäten gerade seinen Fall vorgetragen hatte und nun auf den Richtspruch wartete, drehte sich erbost zu dem Störenfried um.
Der König warf den bestickten Saum seines Hermelinumhanges über den rechten Unterarm und stand vom Thron auf. "Bei allem Respekt, Meister Hofastronom, warum stört Ihr Uns?" Die Königin schloß sich mit hochgezogenen Augenbrauen der Frage ihres Gemahls an.
Der Hofastronom warf sich bäuchlings auf die Granitfliesen. "Verzeiht mir, Majestäten, aber was ich heute im Horoskop des Prinzen, Eures Sohnes, gelesen habe...  eine Katastrophe, Majestäten!"
"Sprich, Unglücklicher", forderte die Königin den Hofastronomen mit schneidender Stimme auf, doch bevor dieser antworten konnte, näherten sich dem Saal erneut hallende Schritte, eine zitternde Stimme krächzte: "Ein großes Unglück, Majestäten, ein sehr großes Unglück!" und gleich darauf lag der Hofzauberer neben dem Hofastronomen auf dem Boden, wobei seine hagere Gestalt fast völlig von seinem blauschwarzen, mit magischen Symbolen bestickten Samtumhang bedeckt wurde. "Was ich soeben in meiner Kugel erblickt habe, Majestäten, zerriß mir das Herz. Der Prinz, Euer Sohn..." Plötzlich bemerkte der Hofzauberer den jüngeren Mann neben sich, dessen Purpur für ihn schon immer ein rotes Tuch gewesen war. "Die Konkurenz war wohl schneller, was?" sagte er bissig.
"Was ist mit Prinz Jakob?" fragte der König ungeduldig und kratzte nervös an dem Krönchen auf seinem Zepter.
"Majestäten...", begannen Hofzauberer und Hofastronom gleichzeitig und warfen sich dann mordlüsternde Blicke zu.
"Einer nach dem anderen", entschied die Königin. "Meister Hofastronom...", ein siegessicheres Lächeln erhellte das Gesicht des Angesprochenen, und er hub schon an zu sprechen, da fuhr die Königin fort: "Ihr hattet die Ehre, Uns als erster auf die drohende Gefahr hinzuweisen. Nun sei es am Meister Hofzauberer, Uns Näheres zu berichten, da Ihr anscheinend über den gleichen Vorfall besorgt seid." Nun grinste der Hofzauberer, und sein abgezehrtes, faltiges Gesicht zog sich dabei deutlich in die Breite.
"Majestäten", begann der Hofzauberer befriedigt, "soeben sah ich, wie die düstere Wolke des Unheils ihren Schatten auf Euren geliebten Sohn, unseren Prinzen Jakob, fallen ließ. Hört denn, welches Schicksal ihm bevorsteht und mit ihm dem ganzen Königreich Schwarzweiß - Burgberg... "
"Einen Moment bitte, Meister Hofzauberer", unterbrach der König und ließ sich wieder auf den Thron fallen. "Wir entlassen den Hof. Gericht wird morgen, zwei Stunden nach Mittag, gehalten. Und Du, Bauer, bearbeite den 'Drei-Buchen- Acker' weiter. Wenn Du Ärger mit Deinem Nachbarn deswegen hast, mach das mit Ihm aus. Wir können Uns ja nicht um jeden Furz kümmern."
"Ferdi!" mahnte die Königin streng. Der König zuckte wegwerfend mit den Schultern und ließ seinen Mantel vom Arm gleiten. "Also geht alle. Wenn es tatsächlich etwas sein sollte, was ganz Schwarzweiß - Burgberg betrifft, werden Wir Boten in alle Himmelsrichtungen schicken, es zu verkünden."
Murrend bewegte sich das Volk auf das zweiflüglige Hauptportal zu, und auch der Bauer erhob sich mißmutig. Der Minister ließ den Kopf nach hinten auf die Sessellehne fallen und schlief sofort ein, Hofzauberer und Hofastronom verharrten kauernd nahe der Schwelle des Seiteneingangs, der in die inneren Bereiche der Wasserburg und zu den beiden Türmen führte, in denen Hofzauberer und Hofastronom wohnten und ihre Forschungen betrieben, zum Wohle des Reiches und Ihren Majestäten zum Nutzen.
Die Königin trommelte mit ihren langen Fingernägeln ungeduldig auf die Thronlehnen, die durch die Ungeduld zahlreicher Vorgängerinnen schon tiefe Furchen aufwiesen. "Meister Hofastronom, sagt Ihr Uns gerade heraus, um was es geht."
"Um Euren Sohn, den Prinzen, Majestäten", antwortete der Hofzauberer und der Hofastronom warf ihm einen geringschätzigen Blick zu.
"Was kann man von dem auch anderes erwarten, Majestäten", ließ der Hofastronom sich dann vernehmen. "Es geht natürlich um den Prinzen, aber das wissen Eure Majestäten ja bereits. Genauer gesagt geht es um... "
"Seinen Umgang", unterbrach der Hofzauberer den Hofastronomen gehässig. Mit einer schwungvollen Bewegung, die den arglosen Zuschauer auf das Klappern seiner dürren Glieder hätte warten lassen, erhob sich der Hofzauberer auf die Knie und zog dann rasch eine goldene Taschenuhr hervor. "In genau zehn Minuten nimmt das Unglück seinen..."
"Falsch!" rief der Hofastronom dazwischen und sprang auf die Füße. "Ganz falsch. Es ist bereits geschehen." Mit einer weit ausholenden Armbewegung warf er seinen purpurnen Umhang zurück und schritt vor dem Seiteneingang hin und her, bis er genau in der Sichtlinie des Hofzauberers zum Thron Ihrer Majestäten zum Stillstand kam. "Bereits vor zwei Minuten ist es geschehen." Und er zeigte auf die Uhr über dem zweiflügligen Hauptportal des Saales, zu deren Konstruktion er mehrere Jahre gebraucht, sie jedoch auch mit allen Mond- und Planetenphasen ausgestattet hatte.
Auch der Hofzauberer stand jetzt auf. "Zumindest Ihr müßtet doch in der Lage sein, die Zuverlässigkeit Eurer störungsanfälligen Arbeit realistisch einzuschätzen. Ihr scheint ja noch einfältiger zu sein, als ich bisher glaubte, wenn Ihr Euch auf die Anzeige dieses Chronometers beruft...  Wir sollten uns jetzt unverzüglich an den Ort des Geschehens begeben."
"Endlich einmal ein vernünftiger Vorschlag." Der König seufzte erleichtert. "Wo wird es...  wo ist es...  ach was! Wo ist der Ort des Geschehens?"
"Das prinzliche Schlafgemach, Majestäten", erklärte der Hofastronom beflissen.
"Genauer die angrenzenden Ankleideräume", widersprach der Hofzauberer.
"Der, welcher vom Schlafgemach nach rechts abgeht", ließ sich eine jugendliche Stimme vernehmen und hinter den mit ihren Umhängen herumflatternden Männern des Geistes und der Gelehrsamkeit stand: Prinz Jakob.
Der König musterte Hofastronom und Hofzauberer abwechselnd mit strengen, prüfenden Blicken. "Ihr hattet doch von einem großen Unglück gesprochen, von einer Katastrophe. Wie Wir nun sehen, befindet sich Unser Sohn jedoch bei bester Gesundheit. Wie erklärt Ihr Euch das?"
"Die Zeichen waren eindeutig", rechtfertigte sich der Hofastronom.
"Eine magische Kugel kann sich nicht irren", behauptete der Hofzauberer entschieden. "Das bewies Mortimer in seiner großartigen Abhandlung über die Natur und das Wesen von Kristallen."
"Verschont uns mit Euren albernen Versuchen, Eure angebliche Gelehrsamkeit zu beweisen, Meister Zauberer", sagte der Hofastronom abfällig. "Aber auch mir ist das Nichteintreffen der Vorhersage unerklärlich." Er schlug mit dem Handrücken der Linken auf das zerknautschte Blatt in seiner Rechten. "Mars verdeckt Venus, die im Horoskop des Prinzen für seine Jugend und sein Leben steht. Und dem Mars gegenüber steht Saturn, was starken Kummer, meist schwere Krankheit oder sogar Tod bedeutet."
"Auch wenn ich meinem Kollegen nur ungern beipflichte", meldete sich der Hofzauberer zu Wort, "in meiner Kugel sah ich das Herz des Prinzen geborsten und sein Herzblut rann aus seinem Körper. Majestäten, bitte verzeiht, aber wahrhaftig, das sah ich."
"Dann erklärt Uns, warum Unser Sohn hier munter vor Uns steht?" forderte die Königin die beiden Gelehren auf.
"Holt einen Medicus, der den Prinzen zur Ader läßt. Wenn kein Blut in ihm ist, so hat der Zauberer recht", schlug der Hofastronom vor.
"Man könnte einen Biol-hicker beschwören, um zu sehen, wie es um die Jugend und das Leben des Prinzen steht, für das der Astronom fürchtet", gab der Hofzauberer giftig zurück.
"Was hast Du dazu zu sagen, Sohn?" fragte nun endlich der König, der voller Erstaunen das immer größer werdende Vergnügen seines Sprößlings über den gelehrten Disput bemerkt hatte.
"Nun, liebe Eltern, noch immer bin ich jung und auch das Leben nenne ich noch mein eigen. Mein Herzblut ist da, wo es sich für einen Menschen gehört und mein Herz ist unversehrt, ja, es schwebt auf rosa Wolken und jubiliert, denn in dieses innerste Kämmerlein ist ein lieber Gast eingezogen, den ich nicht mehr missen will."
"Ein, bitte, was?" fragte der Hofzauberer und riß seine grünen Augen weit auf.
"Ein verliebter Dichter", klärte der Hofastronom ihn auf. "Das geht mit Prinzen oft so. Also ich habe da schon die merkwürdigsten Sachen...  aber warum verdeckt Mars die Venus? Was ist mit diesem Mädchen, das Euch entflammte, Prinz?" Über die schmalen Ränder der Brille hinweg, die der Astronom beim Erstellen von Horoskopen zu tragen pflegte, sah er den Prinzen streng an.
"Was soll mit ihr sein?" fragte der Prinz arglos. "Sie ist von einmaliger Schönheit, ihr Haar ist wie feinste goldene Seide, ihre Augen sind wie leuchtende Sterne, ihre Haut ist wie ein blasser Pfirsich und ihre anmutige Gestalt läßt eine junge Birke plump erscheinen."
"Was habe ich gesagt: ein verliebter Dichter", bemerkte der Hofastronom halblaut.
"Was ist das für ein Mädchen?" fragte die Königin interessiert.
Der Prinz eilte zum Thron und sank zu Füßen der Königin auf die Stufen. Mit strahlenden Augen blickte er zu seiner Mutter empor. "Sie ist eine liebliche Maid und wohnt hier in der Wasserburg, doch heute sah ich sie zum ersten Mal."
"Ein Dienstmädchen", entfuhr es der Königin enttäuscht.
Der Prinz tätschelte die Seide ihres langen Kleides. "Aber nicht doch, sie ist ein edles Fräulein, eine Prinzessin. Meinem Stande angemessen, wie Ihr es immer wünschtet. Sie heißt Helene und ist mein ein und alles. Gebt sie mir zum Weibe."
Der König warf seiner Gemahlin einen undeutbaren Blick zu. "Sollten Wir momentan Gäste auf der Wasserburg haben, von denen mir nichts bekannt ist?"
Der Minister schrak aus seinem leichten Schlummer auf. "Majestäten, in einem der prinzlichen Ankleideräume spukt es: der Geist einer Prinzessin, die dort vor Jahrhunderten erdolcht wurde. Soweit mir bekannt ist, zeigt sie sich nur an wolkenlosen Spätsommertagen, wenn ein unverheirateter junger Prinz in der Nähe des Ankleideraumes ist."
Die buschigen Augenbrauen des Königs rutschten hoch. "Ein Geist?"
"Ein Geist?" echote der Prinz traurig und eine glitzernde Träne rann über seine fast bartlose Wange.
"Ich werde ihn austreiben", verkündete der Hofzauberer. "Darauf verstehe ich mich prächtig. Mich wundert nur, daß in all den Jahren, die ich schon hier auf der Wasserburg lebe und wirke, niemand je von diesem Geist gesprochen hat."
Der Hofastronom gestattete sich ein müdes Lächeln. "Seht einmal in den Himmel, Gevatter. Die klaren, wolkenlosen Tage eines Jahres kann man an einer Hand abzählen. Was glaubt Ihr, warum statt des Teleskopes die Tabellenwerke mein Handwerkszeug sind?"
Inzwischen weinte der Prinz bittere Tränen und durchnäßte den Saum des prachtvollen Kleides seiner Mutter. Die Königin warf einen kurzen Blick auf ihre Bewässerung und sagte: " Nun wissen Wir zumindest, was es mit diesem Unglück auf sich hat. Meister Hofzauberer, seht Ihr einen Weg, diesen Geist auch außer seiner Zeit hervorzurufen, um das Herzensleid des Prinzen zu lindern?"
Der raubvogelhafte Kopf des Hofzauberers verschwand einen Moment zwischen seinen spitzen Schultern. "Ich müßte meine Bücher konsultieren. Aber bisher habe ich davon noch nichts gehört." Nach einem verstohlenen Seitenblick auf den Hofastronomen, der sich anschickte, das Horoskop des Prinzen unter den vorliegenden Gegebenheiten neu zu deuten, fügte er hinzu: "Aber es gibt nichts, was mir für Eure Majestäten unmöglich erscheint."
"Nichts anderes haben Wir von Euch erwartet", antwortete die Königin. "Löst dieses Problem gemeinsam", wies sie Hofzauberer und Hofastronomen mit strengem Blick an und entließ sie mit einer huldvollen Handbewegung.

*

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2. Aufzug, 1. Bild

Turmzimmer des Hofastronomen

Auf höchstmajestätischen Befehl hatten Hofastronom und Hofzauberer ihren ständigen Konkurenzkampf mit den dazugehörigen Beleidigungen tatsächlich zurückgestellt und arbeiteten zusammen an dem Problem der unglücklichen Liebe des Prinzen Jakob.
"Als erstes brauchen wir einen Körper für den Geist", sagte der Hofzauberer und schaute von dem dicken, ledergebundenen Folianten auf, der vor ihm auf dem Lesepult lag. Nachdenklich rieb er sich seine, in der Kälte des Turmzimmers nahezu eingefrorenen, knotigen Finger, blätterte ein paar Seiten und murmelte vor sich hin, während der Lehrling des Hofastronomen sich zum Mitschreiben bereit machte.
Der Hofastronom blickte seinerseits von dem umfangreichen Geschichtswerk auf, das er vor sich liegen hatte und schob seine Brille etwas nach unten, um den Hofzauberer über deren Rand hinweg mustern zu können. Im Stillen mußte er sich eingestehen, daß es zu einem nicht geringen Teil der Neid auf die prächtige Gesundheit des Hofzauberers war, der seine Abneigung gegen seinen 'Konkurenten' schürte. Der Hofzauberer kam, obwohl er seinen 90sten Geburtstag schon lange hinter sich hatte, noch immer ohne Brille oder sonstige Hilfsmittel aus. Wie man munkelte hatte er sogar bei den jungen Kammerzofen des Schlosses in Liebensdingen noch beachtliche Erfolge zu verzeichnen und im Hof der Wasserburg jagten sich tagsüber mit lautem Geschrei die beredten Zeugnisse seiner Potenz.
"In der Landeschronik habe ich bisher nichts finden können", sagte der Hofastronom. "Es gibt nur einen erbärmlichen Hinweis auf eine Hochzeit auf der Wasserburg, während der es unter den Gästen anscheinend zu irgendwelchen Auseinandersetzungen kam, in deren Verlauf fünf Personen, unter ihnen eine 'Prinzessin Helene', ums Leben kamen." Der Hofastronom langte nach der Chronik der Burg.
"Das ist es!" rief der Hofzauberer plötzlich und schlug freudestrahlend auf die Pergamentseiten seiner Lektüre, so daß sich der Staub in dicken Wolken erhob.
Der Hofastronom schrak auf und sein Lehrling stieß vor Schreck das Tintenfaß um, dessen Inhalt sich über seine Notizen ergoß. Im letzten Augenblick konnte er ein größeres Unglück jedoch verhindern.
Von draußen hörte man den Ruf eines Uhus und irgendwo am Fuße des Astronomenturms rief jemand: "Sei still, Du dummes Vieh!"
"Hört, was hier steht", sagte der Hofzauberer begeistert:

"Zur Bekörperung von Geistern verwende man ein formbares, weiches Material, dessen Konsistenz dem Wesen des Geistes zu entsprechen hat. Man forme eine lebensgroße Gestalt aus diesem Materiale und zwar von höchster Kunstfertigkeit, so daß diese Gestalt genau so aussieht, wie der Geist zu seinen Lebzeiten. Je größer die äußere Aehnlichkeit der Gestalt mit der früheren Erscheinung des Geistes ist, desto leichter wird der Geist dazu zu bewegen sein, in die bereitete Hülle zu schlüpfen. Man entsage sich jedoch Beschönigungen der wahrhaftigen Gestalt des Geistes, da sich dieses nachtheilig auf das Wesen des Bekörperten auszuwirken pflegt.
Man statte diese Gestalt mit körperlichen oder persönlichen Gegenständen des Geistes aus (zum ersteren zählt man Haare, Nägel, Zähne, Knochen, Blut und Haut, sowie die Exkremente und auch Erbrochenes (der Gebrauch der beiden letztgenannten Substanzen kann sich jedoch nachtheilig auf das Gemüth des wiederbelebten Geistes auswirken), zu letzterem gehören Kleidung, Schmuck, Waffen und auch andere Gegenstände aus dem persönlichen Besitz des Geistes, sofern er sie mindestens ein Jahr zu seinem Eigenthum zählen konnte).
Merke: Je größer die Zahl der körperlichen und persönlichen Gegenstände des Geistes an der Gestalt sind, desto größer ist die Anziehung, die die Gestalt auf den Geist ausübt.
Alsdann bringe man die Gestalt an den Ort, an dem der Geist bevorzugt zu erscheinen pflegt und erwarte dessen Erscheinen. Sind zum Erscheinen des Geistes irgendwelche Bedingungen zu erfüllen, so erfülle man diese Bedingungen.
Sobald der Geist in den neuen Körper eingezogen ist, wird dieser künstliche Körper wie tot darniederfallen und nach drei Tagen Leichengeruch ausströmen. Daher gehe man nach der Bekörperung wie folgt weiter vor: Man behandle den Bekörperten wie einen wiederzuerweckenden Toten, weise im Spruch aber gesondert darauf hin, daß der Körper keine tödliche Wunde aufweist und somit der Tod versehentlich eingetreten ist. Sodann wird der Bekörperte zu sprechen beginnen, der Bewegung jedoch unfähig sein. Der Bekörperte ist zu überzeugen, daß er lebensfähig ist, dann werde ihm ein Trunk gereicht, der aus Folgendem bereitet wird:
1) 1/8 Liter Drachenblut
1 Schlangenei, mittelgroß
1 Prise Teufelswurz (Satanis radix ordinaris), zerrieben
2 Prisen Hexenkraut (Herbula mala speciosa), gehackt
2) 1 Drachenreißzahn, gestoßen
Basiliskenbadewasser, nicht älter als zwei Tage
Drachentränen
Man vermenge die unter 1) angegebenen Zutaten in einem Kupfertopf zu einem homogenen Brei, dem man solange das Badewasser eines Basilisken beifügt, bis er sich vollständig safrangelb gefärbt hat. Das Ganze verdünne man 1:3 mit Drachentränen und verrühre es mit dem gestoßenen Drachenreißzahn.
Sodann fülle man alles in einen goldenen Kelch und gebe es dem Bekörperten zu trinken. Darauf wird der Bekörperte würgen und nach Wein verlangen. Statt dessen reiche man ihm jedoch einen dünnen Brei aus Weizenmehl und geraspelten Rüben. Erst danach darf der Bekörperte den Wein erhalten. Hiernach wird der Bekörperte in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem man ihn nach 23 Stunden zu wecken hat, um dann ein weiteres Mal einen Weizenbrei zu reichen, diesmal mit geriebenem Apfel vermengt. Alsdann spreche man den Bekörperten mit seinem Namen an und befehle ihm, sich zu erheben. Dann führe man ihn zu einem Spiegel. Das Spiegelbild wird zuerst verschwimmen, dann jedoch wieder klar werden und in diesem Moment verwandelt sich der künstliche Körper in einen wahrhaftigen Leib aus Fleisch und Blut.
Als nächstes werden dem Bekörperten die Augen verbunden, denn nach seinem Spiegelbild muß er als nächstes eines heiligen Mannes seiner Konfession ansichtig werden (so vereinbart bei der 3. Konferenz der Wiederbeleber mit den Abgesandten der Vereinigten Kirchen). Dieser heilige Mann hat in etwa 10 Minuten, jedoch nicht kürzer als 6 Minuten einen kurzen Abriß des von ihm vertretenen Glaubens zu geben, den der Bekörperte in den wichtigsten Punkten wiederholen muß (man weise den Bekörperten nach seiner Bespiegelung geeignet ein). Hiernach ist der Bekörperte als Mensch anzusehen.
Ein möglicher Mißerfolg der Bekörperung zeigt sich darin, daß, trotz aller Bemühungen, vom Bekörperten nach drei Tagen Leichengeruch ausströhmt."

"Das soll funktionieren?" fragte der Hofastronom skeptisch und rieb sich seinen schmalen Kinnbart.
"Klingt ja toll!" mischte sich der Lehrling des Hofastronomen ein.
Der Hofzauberer nahm das als Kompliment und lächelte geschmeichelt. "Oh, das ist ja nicht mein Verdienst. Ich habe nur den Text in diesem Buch entdeckt."
"Funktioniert das?" fragte der Hofastronom ungeduldig.
"Aber ja, aber ja, natürlich funktioniert das. Sonst wäre es gar nicht publiziert worden", antwortete der Hofzauberer gereizt.
"Funktioniert es in unserem Fall?" fragte der Hofastronom wieder. "Der Geist, mit dem wir es zu tun haben, ist, wie ich inzwischen herausgefunden habe, genau 372 Jahre und 59 Tage alt. Wo sollen wir die benötigten Haare, Fingernägel und all das herbekommen? Und woher bekommt man das Badewasser eines Basilisken?"
"Letzteres ist ja wohl ganz allein meine Sorge, Meister Astronom. Ich habe einen Basilisken und ich traue es mir noch zu, ihn zu baden. Etwas anders liegt es da mit den körperlichen Gegenständen, die Ihr eben anspracht. Welche Informationen über die Tote sind in den Chroniken zu finden?" Der Hofzauberer bedachte seinen Gegenüber mit einem prüfenden Blick aus seinen stachelbeergrünen Augen.
Der starre Blick der stechenden Augen bereitete dem Hofastronomen körperliches Unbehagen, so wandte er sich schnell wieder der vor ihm liegenden Chronik des Regierungssitzes von Schwarzweiß - Burgberg, der Wasserburg 'Königsblick', zu. "Hier steht:

Zu den Feierlichkeiten kam auch der König der Nordsümpfe mit seinen drei Töchtern, von denen war die jüngste gerade erblüht, die älteste bereits zum Weibe gereift. Alsbald fanden sich unter den anderen Hochzeitsgästen zahlreiche Verehrer der drei Grazien, die allesamt die Anmut ihrer verstorbenen Mutter, einer Prinzessin der Goldenen Inseln, geerbt hatten, ebenso deren honigfarbenes Haar und die meerblauen Augen.
Unter den Bewerbern um die mittlere der Prinzessinen, deren Schönheit man als die größte unter den drei Schwestern rühmte, waren zwei Brüder, Prinzen aus dem Reiche der Silberberge. Dem jüngeren der beiden nun schenkte die Prinzessin ihr Lächeln und erlaubte ihm, sie mit Blumen zu beschenken. Darüber war der ältere in Flammen vor Wut und so kam es zum Kampf zwischen den Brüdern. Der ältere erstach den jüngeren und danach auch die Prinzessin, die seine Liebe verschmäht hatte. Als Rache für seine Tochter tötete darauf der Vater der Toten den wütenden Prinzen und in der Nacht kamen aus dem Gefolge des Königs von den Nordsümpfen und dem des Königs von den Silberbergen noch je ein Mann ums Leben, so daß die Hochzeit das Blut von fünf Menschen forderte.
Die tote Prinzessin und der Prinz von den Silberbergen, dem sie zugeneigt war, wurden Seite an Seite im Burggarten der Wasserburg 'Königsblick', dem Regierungssitz des Königreiches Schwarzweiß - Burgberg beigesetzt und auf ihr Grab wurde ein Holunderbusch gepflanzt, der schon wenig später und völlig außer der Zeit in voller Blüte stand."

Der Hofzauberer seufzte leise. "Das ist schlecht, sehr schlecht. Wir werden schwer an den Leichnam der Prinzessin herankommen, um Knochen oder Haare von ihr zu bekommen. Aber vielleicht gibt es im Schloß bei den Nordsümpfen noch einige ihrer persönlichen Gegenstände", sagte er dann nachdenklich.
"Darf ich Euch daran erinnern, daß das Schloß in den Nordsümpfen vor knapp zwanzig Jahren in denselben versunken ist, mit allem, was sich in ihm befand, einschließlich seines letzten Königs? Wahrscheinlich verließ er sich zu sehr auf seinen Hofzauberer. Ein Astronom, sogar der jüngste Lehrling, hätte ihm sagen können, daß das Schloß auf denkbar unsicherem Grund stand."
Der Hofzauberer hielt sich symbolisch die Ohren zu. "Hört auf, Meister Astronom, seid still. Denkt lieber darüber nach, wie wir an den Leichnam der Prinzessin Helene herankommen?"
"Ausbuddeln", schlug der Hofastronom vor.
Der Hofzauberer verdrehte resignierend die Augen. "Warum habe ich auch gefragt. Zu Eurer Information: ein Holundergeist bewacht das Grab und es wird nicht einfach sein, an den Leichnam darunter heranzukommen. Ganz und gar nicht einfach."
"Aber es gibt eine Möglichkeit?" fragte der Hofastronom, sich verzweifelnd an das letzte bischen Hoffnung klammernd.
Der Hofzauberer spitzte die Lippen und legte die Fingerspitzen aneinander. "Nunja, eine Möglichkeit gibt es meistens, so auch in diesem Fall. Wie sollten wir sonst dem Prinzen Jakob zu seiner Liebe verhelfen? Nur ist diese Möglichkeit ziemlich kostspielig..."
"... und gefährlich", ergänzte der Hofastronom voreilig.
"... und mühsam", vervollständigte der Hofzauberer seinen Satz nachdrücklich. "Ein Holundergeist kann einem lebenden Menschen nicht wirklich gefährlich werden, Mühe bereitet er aber auf jeden Fall. Was wir brauchen, ist eine Jungfrau... einen Moment, bitte..." Mit flinken Fingern suchte der Hofzauberer ein schmales Heft aus seinem Bücherstapel und blätterte darin. "Nein, einen unberührten Jüngling brauchen wir. Er muß strahlend blonde Haare haben und hellgraue Augen, außerdem muß ihm an der linken Hand das letzte Glied des kleinen Fingers von Geburt an fehlen. Dieser Jüngling wird in ein Gewand aus hauchdünnem Goldblech gekleidet und allein mit diesem am Leibe muß er mit einem silbernen Spaten den Holunder aus der Erde graben und allein seine Hände dürfen den Holunder berühren. Erst dann ist der Weg frei." Der Hofzauberer legte das Heft wieder auf den Stapel zurück. "Das Unangenehme ist, daß der Jüngling dabei wohl seine Unschuld verliert und zum Zurückpflanzen des Holunders unbrauchbar wird."
"Muß der denn zurückgepflanzt werden?" fragte der Lehrling des Hofastronomen, der jedes Wort mit fliegender Feder mitgeschrieben hatte.
"Aber natürlich. Schließlich liegt auch dieser Prinz noch da unten. Also brauchen wir zwei gleichartige Jünglinge der eben ausgeführten Art, außerdem noch ein paar Kleinigkeiten für den Trunk und irgendein Material, aus dem wir den Körper formen können", zählte der Hofzauberer an seinen faltigen Fingern auf.
"Wie wäre es mit Ton oder Lehm?" schlug der Hofastronom vor.
"Nach dem, was Prinz Jakob uns erzählt hat, scheint das Wesen dieses Geistes kaum spröde und bröckelig zu sein und auch nicht hart. Ihr müßt Euch schon etwas Besseres ausdenken."
"Also gut", sagte der Hofastronom. "Ich kümmere mich um das formbare Material und Ihr Euch um die restlichen Zutaten. Und diese beiden Jünglinge..."
"Um die kümmert Ihr Euch", beeilte sich der Hofzauberer zu sagen. "Das ist Eure große Chance, die Überlegenheit der wissenschaftlichen Logik über die Zauberei, von der Ihr so gerne sprecht, unter realen Bedingungen zu beweisen, Meister Astronom. Sicherlich wird es Euch ein Leichtes sein, zwei Jünglinge zu finden, die unseren Ansprüchen genügen."
Der Hofastronom seufzte schicksalsergeben. "Ich werde mich bemühen. Ich hoffe nur, die Majestäten bewilligen die notwendigen Mittel für die zwei goldenen Gewänder."
"Und das wird nicht die letzte Ausgabe in diesem Fall sein", prophezeite der Hofzauberer. "Alles in allem wird das Ganze eine reichlich teure und ziemlich anstrengende Angelegenheit werden... nunja, ich werde mich um einen Drachentöter kümmern und Ihr seht Euch nach den beiden Jünglingen um." Der Hofzauberer stapelte die mitgebrachten Bücher und Hefte und wankte unter ihrer Last zur Tür, die der Lehrling des Hofastronomen beflissen aufhielt.
"Wird hier eigentlich nie geheizt?" fragte der Hofzauberer beiläufig, als er auf der Schwelle stand. Irgendwie schaffte er es, trotz der Bücher mit einer Hand seine vor Kälte weiß gewordene Nase zu reiben.
"Einsparungen, mein Lieber, Einsparungen", seufzte der Hofastronom und zeigte seine Hände, die in wollene Handschuhe mit halben Fingern staken. "In den Türmen wird halt an der Heizung gespart. Aber Ihr habt ja ohnehin immer ein Feuer bei Euch brennen, da merkt Ihr das wahrscheinlich gar nicht."
"Das Feuer brauche ich von Berufs wegen. Aber wie haltet Ihr das im Winter nur aus? Es ist ja noch nicht einmal richtig Herbst."
"Oh, das ist halb so schlimm", sagte der Hofastronom wegwerfend. "Einmal gewöhnt man sich an die Kälte, zum Zweiten habe ich hier einen ganzen Stapel warmer Decken zur Verfügung, und zum Dritten kümmere ich mich während der kältesten Wintermonate vor allen Dingen um die Uhr im Thronsaal, und da ist immer gut geheizt." Mit einem verschwörerischen Grinsen verabschiedete der Hofastronom seinen Konkurenten.

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3. Aufzug, 1. Bild

Turmzimmer des Hofzauberers

"Oh, ich wollte nicht stören", sagte der Hofastronom entschuldigend und wollte sich wieder zurückziehen, da winkte der Hofzauberer ihn zu sich herein. Er stellte seinem 'Kollegen auf Zeit' einen kleinwüchsigen, rothaarigen Mann vor, der unter seiner Knollnase einen eindrucksvollen Schnauzbart trug. "Dies ist der Mann, den wir brauchen", erklärte der Hofzauberer und der kleine Mann verneigte sich so tief, daß die weiten Ärmel seines fliederfarbenen Hemdes über den dreckigen Boden des Turmzimmers schlurten.
"Meine Verehrung, Meister Hofastronom. Der Meister Hofzauberer war bereits so freundlich, mir von Eurem Problem zu berichten, und ich bin stolz Euch versichern zu können, daß es in meiner Macht steht Euch zu helfen."
"In wiefern?" fragte der Hofastronom etwas verblüfft.
"Meister Zacharias ist ein Drachentöter", erklärte der Hofzauberer mit einem breiten Grinsen.
"Ein gewerblicher Drachentöter", betonte Meister Zacharias stolz. "Und ich verbürge mich für die Autentizität und Erstklassigkeit meiner Waren."
Der Hofastronom setzte sich, ohne seinen abschätzenden Blick auch nur einen Moment von dem kleinwüchsigen Drachentöter zu wenden. "Ihr dürft es mir nicht übel nehmen, Meister Zacharias", begann er dann vorsichtig. "Aber ich habe mir Drachentöter immer viel...  nun, viel größer vorgestellt."
Meister Zacharias' Bartenden stellten sich auf, als er seinen Mund zu einem verzeihenden Lächeln verzog. "Aber ich nehme Euch überhaupt nichts übel, Meister Hofastronom. Dieser Irrtum ist weit verbreitet, wenn auch für einen Drachenfachmann, wie ich es bin, nicht leicht einsehbar. Ich kann Euch versichern, daß es für einen Drachentöter viel vorteilhafter ist, von kleinerer Statur zu sein, damit er dem Drachen nicht sofort ins Auge fällt. Im Vertrauen: Drachen sind ziemlich kurzsichtig und mit dem Feuerspeien hapert es bei den meisten ebenfalls."
Der Hofastronom nickte verstehend.
"Meister Zacharias", meldete sich da der Hofzauberer zu Wort. "Wir bräuchten einen Viertelliter Drachenblut, nach Möglichkeit von einem sechsjährigen Feuerdrachen. Zur Not tut es auch ein achtjähriger. Außerdem zwei Liter Drachentränen von einem jungen Luftdrachen, möglichst nicht älter als drei Wochen. Zudem ein Sortiment Drachenzähne, vorzugsweise die eines erwachsenen Feuerdrachens." Mit einem milden Lächeln registrierte der Hofzauberer den verwirrten Blick des Hofastronomen. Er würde es ihm nicht gerade auf die Nase binden, daß in den alten Rezeptbüchern im Anhang meist genauere Erläuterungen zu den Zutaten zu finden waren.
Meister Zacharias hatte sich auf einem Papierfetzen Notizen gemacht. "Ich werde alles binnen vier Tagen liefern. Ihr habt Glück, momentan ist mein Lager bis unter die Decke gefüllt und es fehlt an nichts...  wie wäre es übrigends mit ein paar Drachenschuppen? Die sind immer sehr gefragt und meistens komme ich mit den Bestellungen kaum nach."
Der Hofzauberer schüttelte den Kopf. "Nein, ich danke Euch, Meister Zacharias, aber wir brauchen keine Drachenschuppen."
"Nunja...  wenn Euch doch noch etwas einfallen sollte...  Ihr wißt ja, wie Ihr mich erreichen könnt." Zettel und Feder ließ der kleine Drachentöter in einer geräumigen Tasche seines dunklen Wamses verschwinden, das symbolverzierte Tintenfaß gehörte zur Ausstattung des Hofzauberer-Turmzimmers. Mit zahlreichen Verbeugungen bewegte sich Meister Zacharias rückwärts zur Tür und polterte gleich darauf die steile Turmtreppe hinunter.
"Ich hoffe, Ihr habt Euch nichts getan, Meister Zacharias!" rief der Hofzauberer und verkniff sich mühsam ein lautes Auflachen.
"Oh, nicht doch", tönte es von unten in etwas weinerlichem Ton, dann entfernten sich humpelnde Schritte.
Als von Meister Zacharias nichts mehr zu hören war, gestattete sich der Hofzauberer ein rabenhaftes Gelächter, das so ansteckend war, daß der Hofastronom mit einstimmte.
Nach einigen Minuten hatte sich der Hofzauberer wieder etwas gefangen. Noch immer ab und zu glucksend fragte er den Hofastronomen: "Was führt Euch denn hierher, Meister Astronom?"
Der Hofastronom bemühte sich redlich um eine ernste Miene, aber er hatte damit reichliche Mühe. "Ich kam, um Euch... nein, der war wirklich zu ulkig... also ich kam, um Euch meinen Erfolg mitzuteilen."
Mit einem Schlag war der Hofzauberer ernst. "Die Jünglinge", stellte er fest.
"Nun...", verlegen begann der Hofastronom mit einem silbernen Messer, das vor ihm auf dem Tisch lag, herumzuspielen. Mit einer raschen Bewegung entwand der Hofzauberer es ihm.
"Nun was?" fragte der Hofzauberer streng und seine grünen Augen blitzten.
"Um ehrlich zu sein...  mit den Jünglingen hatte ich bisher noch keinen Erfolg...  aber das Material, das habe ich gefunden", endete der Hofastronom stolz.
Der Hofzauberer legte sein Kinn auf die Faust seines aufgestützten Armes und musterte seinen Gegenüber durchdringend.
Nervös begann der Hofastronom, am rechten Bügel seiner Brille herumzufingern, bis ihm einfiel, daß er ja weitsichtig war und seine Sehhilfe absetzen konnte. "Es ist eigentlich ganz einfach gewesen. Prinz Jakob sprach von der Lieblichkeit der Prinzessin, wenn Ihr Euch erinnert und von ihrer edlen Herkunft. Die Lösung des Problems, das uns das Material betreitet hat, ist: Edelmarzipan mit Maraschino. Es ist formbar und auf seine Weise doch fest, und eine gut bearbeitete Oberfläche ist weich wie Samt."
Der Hofzauberer schnalzte anerkennend mit der Zunge. "Nicht schlecht, die Idee, gar nicht schlecht. Aber die Mandeln für das Marzipan sind ein Problem. Der einzige Handelspartner von Schwarzweiß - Burgberg, der über einen nennenswerten Mandelanbau verfügt, ist das Fürstentum Goldingen. Und soweit mir bekannt ist, handelt es sich dabei nicht gerade um den billigsten Lieferanten."
"Goldingen exportiert jedoch qualitativ sehr hochwertige Ware", gab der Hofastronom zu bedenken. "Und für das Herz ihres einzigen Sohnes werden Ihre Majestäten schon zu einigen finanziellen Opfern bereit sein."
"Ich denke, Ihr werdet sie fragen", sagte der Hofzauberer langsam und spitzte die welken Lippen.
"Wenn Ihr mich begleiten wollt, Meister Zauberer?" Der Hofastronom erhob sich und ging zur Tür, dann überlegte er es sich jedoch anders und drehte sich zum Hofzauberer um, der gerade seinen Samtumhang von einem Ständer genommen hatte und einige Spinnweben von ihm abbürstete.
"Eine Frage, Meister Zauberer. Was hat es eigentlich mit den Drachenschuppen auf sich?" fragte der Hofastronom.
Der Hofzauberer zog den blauschwarzen Umhang über seine dürren Schultern und lächelte belustigt. "Diese Frage mußte ja kommen. Es ist angeblich ein potenzsteigerndes Mittel. Bewiesen und allgemein anerkannt ist allerdings seine lebensverlängerne Wirkung bei Männern. Es gibt einige Siebenhundertjährige, die auf Drachenschuppen schwören. Ob einer von denen im hohen Altern jedoch noch einmal Vater geworden ist, ist mehr als zweifelhaft." Der Hofzauberer lächelte noch ein Weilchen weiter, dann stachen seine grünen Augen in die dunklen des Hofastronomen. "Wollten wir nicht gehen?" fragte er drängend, und der Hofastronom beeilte sich, das Turmzimmer zu verlassen.

*

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3. Aufzug, 2. Bild

Thronsaal der Wasserburg 'Königsblick'

Auf dem Weg zum Thronsaal kam ihnen ein Diener entgegen. "Die Schausteller sind in Schwarzweiß - Burgberg!" rief er mit strahlendem Gesicht. "Heute nachmittag geben sie im Schloßhof eine Vorstellung!" und schon war er an Hofzauberer und Hofastronom vorbei.
Kopfschüttelnd drehte sich der Hofzauberer zu dem Davoneilenden um. "Nein, diese Jugend", sagte er fast tadelnd und grinste breit.
Der Hofastronom wartete nicht auf den Hofzauberer und betrat den Thronsaal, in dem er ein munteres Menschengewimmel vorfand. In den buntesten und phantasievollsten Kostümen, die nur vorstellbar waren, präsentierte sich die Schaustellertruppe Ihren Majestäten; ein wichtig aussehender Mann mit einem imposanten schwarzen Vollbart stellte die Akteure mit dröhnender Stimme vor.
"Und hier seht Ihr meine Schwestersöhne, Majestäten. Sie gleichen einander wie ein Ei eines Vogels sich selbst ähnelt. Seht nur, ihre Haare sind vom gleichen hellen Gold, ihre Augen haben das gleiche lichte Grau, und denkt nur, als sie geboren wurden, da waren die letzten Finger ihrer linken Hände miteinander verwachsen, doch dieser doppelte Finger hatte nur vier Glieder, so daß beiden, als man sie nach der Geburt voneinander trennte, das oberste Glied ihrer kleinen Finger fehlte."
"Was sagt Ihr da?!" rief der Hofastronom, und der Hofzauberer, der inzwischen den Thronsaal erreicht hatte, bahnte sich mit seinen spitzen Ellbogen einen Weg durch die Menge.
"Meister Schausteller, zeigt mir einmal Eure Schwestersöhne", verlangte der Hofzauberer streng und irgend etwas ließ ihn plötzlich viel größer erscheinen, so daß der sehr große, wie ein Schrank gebaute Schausteller versucht war, zu dem alten Mann aufzublicken.
"Aber natürlich, selbstverständlich", beeilte sich der Schausteller zu sagen und verneigte sich vielmals. Er zog zwei, vielleicht fünfzehnjährige Jünglinge aus der Menge. Ihre blonden, frischgewaschenen Haare leuchteten im Tageslicht, das durch die hohen Fenster des Thronsaales drang, wie pures Gold, und ihre Augen waren hell wie polierte Silbermünzen.
Der Hofzauberer besah sie sich prüfend, ohne ein Wort zu sprechen. Er kontrollierte mit seinen blitzenden grünen Augen die Finger ihrer linken Hände und nickte fast widerwillig, aber zustimmend. "Wer ist der Vater dieser Jünglinge?" fragte er dann den Schausteller.
"Oh, verehrter Meister Hofzauberer, ihr Vater war Raubtierbändiger, bis ihn einer seiner Bären fraß. Ich nahm beide an Sohnesstatt an und sorge für sie wie ein leibhaftiger Vater."
"Könnt Ihr mir sagen, Meister Schausteller, ob diese beiden Jünglinge noch unberührt sind?" fragte der Hofastronom, der sich inzwischen durch die bunte Menge gearbeitet hatte.
"Soeine Frage in aller Öffentlichkeit zu erörtern halten Wir...", begann der König und wand sich unbehaglich auf seiner Hälfte des Thrones.
"Ach laß nur, Ferdi, der Hofastronom wird schon wissen, warum er...", widersprach ihm die Königin, aber inzwischen hatte sich der Schausteller bereits dazu durchgerungen, auch ohne den Segen Ihrer Majestäten auf die Frage zu antworten.
"So wahr die Sonne des Tages ihr Licht der Erde spendet, so gewiß weiß ich, daß sie keine Frau je gekannt haben", sagte der Schausteller entschieden.
"Das ist guuut", ließ sich der Hofzauberer leise vernehmen. Er stieg einige Stufen des Thrones zu Ihren Majestäten empor und informierte sie in kurzen flüsternden Worten, wofür der Hofastronom und er selbst die beiden Jünglinge benötigten und warum sie für zwei goldene Gewänder, einen silbernen Spaten, diverse Dracheneinzelteile, zwei Zentner Mandeln und zehn Liter Maraschino um ein etwas erweitertes Budget nachsuchen wollten.
"Und außerdem bedürfen wir noch des Dienstes des Wanderpredigers von der Goldenen Schüssel, der sich vor einigen Wochen in Schwarzweiß - Burgberg niedergelassen hat", ergänzte der Hofastronom, als der Hofzauberer seinen Bericht beendet hatte.
"Wozu das?" fragte die Königin. Wie fast alle im Königreich Schwarzweiß - Burgberg glaubte die Königin Amalie von Weißenburg an die Offenbarungen des Großen Unbekannten, ein Glaube, der sich schon vor Urzeiten in der Region durchgesetzt hatte. Auch der König bekundete gelindes Erstaunen, der Hofzauberer ahnte jedoch, worauf sein Kollege auf Zeit hinauswollte.
Der Hofastronom erklärte es Ihren Majestäten, nachdem die Schausteller aus dem Thronsaal geführt worden waren und sichergestellt war, daß die beiden blonden Jünglinge die Wasserburg nicht vorzeitig verließen: "Zur Bekörperung der Prinzessin Helene brauchen wir unter anderem einen heiligen Mann ihrer Konfession. Da sie eine Prinzessin der Nordsümpfe ist, hat sie, wie alle dort geborenen Kinder, die Konfession ihrer Mutter. Die jedoch stammt von den Goldenen Inseln, auf denen die Mutter ihre Konfession den Töchtern vererbt, der Vater die seine den Söhnen. Aus den Büchern, die mir in der Bibliothek von 'Königsblick' zur Verfügung stehen, und Dank der Akribie der Chronisten vergangener Jahrhunderte, kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß die Mutter der Mutter der Prinzessin Helene ursprünglich aus dem östlichen Bergland von Hohenfels stammt und, nach dort üblichem Gebrauch, im Glauben an die Große Leere erzogen wurde. Kurz bevor die Mutter der Mutter der Prinzessin Helene jedoch nach den Goldenen Inseln verheiratet wurde, begann in Hohenfels ein großangelegter Bekehrungsfeldzug der Vereinigten Kirchen, vor allen Dingen von den Gläubigen der Goldenen Schüssel und den Gläubigen der Ewigen Weisheit getragen. Im Osten Hohenfels' setzten sich die Anhänger der Goldenen Schüssel weitestgehend durch, so daß man mit einiger Gewißheit behaupten kann, daß die Mutter der Mutter der Prinzessin Helene im Sinne der Glaubensgemeinschaft der Goldenen Schüssel getauft und vereidigt wurde und es später ebenso mit ihrer Tochter und deren Tochter, der Prinzessin Helene, geschah, denn von Bekehrungsfeldzügen auf den Goldenen Inseln oder in den Nordsümpfen ist nichts verzeichnet."
Der König strich sich nachdenklich über seinen angegrauten Bart. "Nun, Jakob ist Unser einziger Sohn. Sein Wohl sollte Uns und dem Königreich am Herzen liegen. Gold und Geld sind ersetzbar, das Glück des einzigen Sohnes sicherlich nicht."
Die Königin bedachte ihren Gemahl mit einem zustimmenden Lächeln.
"Euch werden alle benötigten Mittel, materieller und finanzieller Art, ohne Einschränkung zur Verfügung gestellt", fuhr der König fort. "Dann können Wir sicher schon bald die Verlobung Unseres Sohnes feiern."

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4. Aufzug, 1. Bild

Turmzimmer des Hofzauberers

Der Hofzauberer verglich den unappetitlichen Inhalt der Gefäße auf dem Tisch vor sich mit einer fleckige Liste, die er in der Hand hielt. "Ich denke, wir haben alles", sagte er schließlich und drehte sich zum Hofastronomen um, der sich locker gegen die Wand lehnte und dem Metrol-hicker, den der Hofzauberer wenige Minuten zuvor beschworen hatte, immer wieder skeptische Blicke zuwarf. Die Beschwörungszeremonie selbst hatte der Hofastronom nicht miterlebt, aber der halb verwischte, mit roter Kreide gezogene Drudenfuß, die abgebrannten Kerzen an den Strahlenenden und große Kleckse einer gallertartigen giftgrünen Masse sprachen auch für einen Laien eine deutliche Sprache.
Der sehr magere, ziemlich große Dämon sah sich forschend im Turmzimmer des Hofzauberers um und rümpfte ob der Flaschen und Gläser mit ihrem blubbernden Inhalt, die für den Bekörperungstrank gebraucht wurden, die schmale Nase.
Es klopfte verhalten an der Turmzimmertür. "Meister, der Konditor ist soweit. Wollt Ihr bitte kommen?" rief der Lehrling des Hofastronomen von draußen.
"Noch ein paar Minuten", rief der Hofzauberer. "Wir kommen sofort." Dann nahm er einen großen Kupfertopf von einem überfüllten Regal und begann, leise vor sich hinmurmelnd, die verschiedenen Flüssigkeiten und Pulver miteinander zu verrühren. Endlich, nachdem der Hofzauberer zu der dunklen, fast schwarzen, dickflüssigen Brühe, eine leuchtend blaue Flüssigkeit hinzugefügt hatte, färbte sich die Mischung gelb. Da der Hofastronom noch einiges von dem Rezept des Trankes in Erinnerung hatte, wußte er, daß das Mischen seinem Ende zuging.
Endlich füllte der Hofzauberer die letztendlich zartrosa gefärbte und auf unerklärliche Weise auf weniger als ein Drittel ihres vorherigen Volumens verminderte Flüssigkeit in einen goldenen Kelch, der ebenfalls auf dem Tisch bereitgestanden hatte. Den Kelch reichte der Hofzauberer dem Hofastronomen, er selbst führte den Dämon aus dem Turmzimmer.

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4. Aufzug, 2. Bild

Burggarten der Wasserburg 'Königsblick'

Hofzauberer, gefolgt von dem kürzlich beschworenen Metrol-hicker, und Hofastronom, den goldenen Kelch mit dem Bekörperungstrank in den Händen haltend, gingen die Treppe hinunter, durch den gepflasterten Innenhof, bis in den Garten, in dem bereits alle versammelt waren. Die beiden Schaustellerneffen in ihren goldenen Gewändern warteten, einer mit dem silbernen Spaten in der Hand, in der Nähe des Holunderbusches. Ebenfalls in der Nähe lag ein damastenes Tischtuch bereit, eigentlich für die große Tafel im Festsaal der Wasserburg bestimmt, um darauf die Prinzessinenknochen zu betten.
Zwischen Dutzenden von riesigen Schüsseln, die bis an den Rand mit feinstem Maraschinomarzipan gefüllt waren, stand der untersetzte Konditor der Burg, neben ihm der Hofbildhauer, der bereits seine Instrumente vorbereitete. Schon ein paar Tage zuvor, als die Hofküche mit der Zubereitung des Marzipans beschäftigt war, hatte der Hofbildhauer den Prinzen um eine genaue Beschreibung des Geistes gebeten, nach der er ein Portrait angefertigt hatte, sowie eine Skizze mit den ungefähren Körpermaßen der Prinzessin.
Auf zwei in den Garten getragenen seidenbespannten Sesseln saßen Ihre Majestäten, umgeben von ihrem Hofstaat, unter einem Sonnensegel, obwohl die Sonne sich bisher noch nicht blicken ließ. Wie fast jeden Tag war der Himmel eher grau und die Luft diesig, so daß man kaum die schwarzweißen Reichsflaggen auf den beide Turmspitzen erkennen konnte.
"Majestäten, dies ist der Metrol-hicker, den ich beschworen habe", stellte der Hofzauberer den Dämon vor.
Der Dämon sah sich Ihre Majestäten mit abfälligen Blicken an und drehte sich dann demonstrativ zu dem Holunderbusch um, vor dem die beiden Jünglinge warteten.
"Majestäten, Ihr müßt entschuldigen", sagte der Hofzauberer schnell. "Metrol-hicker halten sich oft für etwas Besseres und leider können wir auf ihn nicht verzichten..." Ein Stoßgebet an seine Heiligen auf den Lippen eilte der Hofzauberer dann dem Dämon hinterher, der inzwischen auf die Jünglinge zuging, die auf den Startbefehl warteten.
"Wenn er allerdings seine Arbeit nicht tut, werde ich wohl den Vertrag kündigen und einen anderen Metrol-hicker verpflichten müssen", sagte der Hofzauberer im Gehen laut.
Der Metrol-hicker blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, dann drehte er sich um und kam gemessenen Schrittes zurück zu seinem Meister und Ihren Majestäten.
"Wir brauchen mindestens für drei Tage strahlenden Sonnenschein und einen überaus klaren Himmel", befahl der Hofzauberer.
Der Metrol-hicker maß seinen Meister mit einem verächtlichen Blick, machte dann eine kurze Handbewegung und in Sekundenschnelle öffnete sich die dicke Wolkendecke und immer mehr Sonnenstrahlen drangen durch. Die kümmerlichen Sonnenblüten an der Südmauer des Burggartens reckten sich begeistert und schon wenig später leuchtete die Südmauer in ihrem eigenen Licht.
"Ich denke, jetzt können wir beginnen", sagte die Königin mit einem fragenden Blick zum Hofzauberer.
"Aber sicher", sagte der Hofzauberer und verneigte sich tief. "Du, mit dem Spaten", befahl er dann, "beginne Du, den Holunderstrauch auszugraben."
Der Jüngling mit dem Spaten nickte und begann zu graben, der andere kam zu Ihren Majestäten, stellte sich neben den Metrol-hicker und blickte bewundernd zu ihm auf.
Im Gartenpavillon, den Ihre Majestäten bereits zur bevorstehenden Verlobung ihres Sohnes hatten errichten lassen, begannen drei Musiker zu spielen, und die lieblichen Klänge zogen durch den spätsommerlichen Garten.
"Was kommt denn als nächstes?" fragte der König im Flüsterton den Hofastronomen, der in seiner Nähe stand und sich des Goldkelches bereits entledigt hatte. Der Kelch stand jetzt sicher auf dem Tablett eines eigens dafür abgestellten Dieners unter der Aufsicht eines Reichshauptwachmannes.
"Nun, der Holunder wird ausgegraben", antwortete der Hofastronom ebenso leise, "die Knochen der Prinzessin werden auf dem Tuch gesammelt und schließlich von Eurem Bildhauer mit dem Marzipan zu einem Körper geformt. Dies alles wird hier im Garten geschehen. Anschließend wird der Körper in den Ankleideraum des Prinzen getragen werden, in dem, dank des Sonnenscheins und der Anwesenheit des Prinzen Jakob, der Geist der Prinzessin Helene von den Nordsümpfen erscheinen wird. Euer Hofzauberer wird den Geist bewegen, sich in den Körper zu begeben und der Prinzessin den Inhalt jenes Kelches einflößen, den der Diener dort drüben hält. Danach wird ihr ein Weizenbrei gereicht, der bereits in der Küche zubereitet wird und anschließend ein Glas des 'Glücklichen Goldtröpfchens', jenes weißen Weines, den Eure Majestäten zu Eurem diesjährigen Hochzeitstag geschenkt bekamen. Darauf wird die Prinzessin in einem bereits vorbereiteten Gästezimmer zum Schlafen gebettet und morgen geweckt. Sie bekommt ein zweites Mal einen Weizenbrei zu essen, ihr wird ein Spiegel vorgehalten, und dann wird der Wanderprediger von der Goldenen Schüssel zu ihr gebracht, um mit ihr zu sprechen. Anschließend kann die Verlobung gefeiert werden."
"Wie schön", sagte die Königin, die ebenfalls den Ausführungen des Hofastronomen gelauscht hatte. "Die Prinzessin wird morgen ihren Brautschmuck von mir bekommen."
Inzwischen hatte der Jüngling rund um die Wurzeln des Holunderbusches die Erde aufgegraben und begann, den riesigen Busch mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft aus dem Erdloch zu zerren.
"Kann dem Jungen denn nicht mal jemand helfen?" fragte die Königin besorgt.
Der Hofzauberer verneigte sich entschuldigend. "Das ist leider vollkommen unmöglich, Majestäten, denn allein die Hände dieses unberührten Jünglings dürfen den Holunderbusch berühren."
"Und was ist mit seinem Bruder?" fragte der König mit einem Nicken in Richtung des Jünglings und des Metrol-hickers, die beide interessiert der Arbeit des anderen Jünglings zusahen.
"Den brauchen wir für das Zurückpflanzen des Busches", erklärte der Hofastronom beflissen. Und eigentlich, dachte er sich, konnte der Junge von Glück sagen, daß der alte Holunderbusch schon vor einigen Jahren verfault war, denn ein knapp vierhundertjähriges Ungetüm hätte ein fünfzehnjähriger Knabe wohl kaum ausgraben können. Der jetzt bearbeitete Busch war ein Ableger des alten und wuchs erst seit etwa fünf Jahren an der Stelle, trotzdem hatte er schon eine beachtliche Größe erreicht.
Endlich hatte der Jüngling den Holunderbusch ausgepflanzt und zog ihn über den Rasen bis zur Westmauer des Gartens, was knapp vier Schritte waren. Dann kam er zu Ihren Majestäten, das goldene Gewand mit Erdklumpen beschmutzt, in seinen Haaren Blätter und Früchte des Holunderbusches und mit schweißüberströmtem, erhitzten Gesicht. Doch sein glückliches Lächeln zeigte, daß sich die Anstrengung für ihn offenbar gelohnt hatte.
"Du hast gut gearbeitet", lobte der König.
"Oh, Majestäten", sagte da der Jüngling, noch ganz außer Atem und warf den Spaten achtlos in die Richtung seines Bruders, der ihn geschickt auffing, "etwas so Wunderbares ist mir in meinem Leben bisher nicht geschehen. Als ich anhub zu graben war mir, als erscheine mir ein junges Mädchen, in ein grünes Gewand aus Blättern gekleidet, sogar mit grünen Haaren und mit Augen, so dunkelviolett wie zwei Holunderbeeren. Und dieses Mädchen betörte mich und ich weiß nicht wie mir geschah, aber ich vergaß die Welt um mich und wachte aus dieser Verzückung erst auf, als ich die kalte Gartenmauer an meinem Rücken spührte..."
"So laßt uns denn die Gebeine der Prinzessin aus der Erde holen", unterbrach der Hofzauberer die Ausführungen des Jünglings schroff und begab sich mit forschen Schritten zu der Stelle, an der der Holunderbusch gestanden hatte.
Mit gewöhnlichen Spaten gruben drei Diener nach den Anweisungen des Hofzauberers und des Hofastronomen in dem Erdloch und förderten vier alte Dachziegel, einen durchgerosteten Waschzuber, verschiedene Steine zu insgesamt ungefähr zwölf Kilo und eine zerbrochene Blumenschale zutage. Endlich stießen sie jedoch auf zwei Bleisärge, einer mit dem zerkratzten Wappen der Silberberge, der andere in den ausgeblichenen Farben der Nordsümpfe. Auf den zeigte der Hofastronom und befahl, den Sarg zu heben.
Seine Scharniere und Schlösser, aus Eisen gefertigt, waren durch die Nässe des Erdreiches vollkommen verrostet, so daß ein Stemmeisen geholt werden mußte, um den Sarg zu öffnen. Während dessen wurde die Grube wieder mit Erdreich gefüllt und der zweite Jüngling machte sich daran, unter der gleichen Verzückung wie sein Bruder den Holunderbusch zurückzupflanzen.
"Was wir in dem Sarg wohl vorfinden werden?" überlegte die Königin mit wohligem Schauder in der Stimme.
"Nun, den Leichnam der Prinzessin Helene hoffe ich", sagte der Hofastronom leicht befremdet. "Wir wissen natürlich nichts über das Stadium seines Verfalls."
Diener wurden angewiesen, den Deckel des Bleisarges aufzustemmen, Hofzauberer und Hofastronom blieben in sicherer Entfernung, jedoch so nahe, daß sie alles genau verfolgen konnten.
Statt einer Wolke Verwesungsgeruch entströmte dem Sarg der konzentrierte Duft von Lilien und Rosen, so stark, daß er jeden anderen Geruch im Burggarten überdeckte. Gebettet auf sorgsam bestickte Seidenlaken lag dort ein junges Mädchen in einem altmodischen weißen Seidenkleid, mit blasser Haut und rosigen Wangen, als würde sie schlafen. Ihr blondes Haar lag wie gesponnenes Gold über das Seidenkissen ausgebreitet, auf dem ihr Köpfchen ruhte, und in ihren zusammengefalteten Händen hielt sie einen kleinen Strauß aus weißen Taglilien und roten Rosen, so frisch, als seien sie gerade erst gepflückt worden.
"Phantastisch!" entfuhr es dem Hofzauberer und er beugte sich über den Leichnam, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Dann drehte er sich zum Hofastronomen um. "Es ist ein Konservierungszauber über sie verhängt worden. Eine phantastische Arbeit. Wenn die Dinge so stehen, können wir schon heute Nachmittag die Verlobung feiern", sagte der Hofzauberer zuversichtlich.
"Und was ist mit dem Marzipan?" fragte der Konditor unglücklich.
"Backt eine Hochzeitstorte daraus", befahl die Königin ihm.
"Wie Ihr wünscht, Majestäten", sagte der Konditor und verneigte sich tief.
Auch der zweite Jüngling hatte jetzt, glücklich erschöpft, seine Arbeit beendet, und die beiden Brüder zogen sich Arm in Arm zu den Wagen der Schausteller zurück, gefolgt von einer argwöhnischen Burgwache, die die goldenen Gewänder im Auge behielt.
"Tragt Ihr den Sarg in den Ankleideraum des Prinzen", befahl der Hofzauberer zwei Dienern und an einen anderen gewandt sagte er: "Hole den Wanderprediger von der Goldenen Schüssel."
"Und was kommt jetzt?" fragte der Hofastronom seinen Kollegen auf Zeit flüsternd.
"Ganz einfach", erklärte der Hofzauberer leise. "Wir werden wie vorgesehen vorgehen, nur haben wir es nicht mit einem künstlichen Körper zu tun und brauchen demnach keine Bespiegelung und keine Schlafpause für den Geist. Allerdings muß ich diesen Konservierungszauber lösen und die Stichwunde heilen, von der die Chronik spricht, aber das ist wirklich keine Sache, über die man sich viel Gedanken machen müßte."
Der Diener mit dem Bekörperungstrank folgte den beiden Gelehrten und auch die Majestäten und ein Teil des Hofstaates gingen ihnen nach, um nicht einen Augenblick des Schauspiels zu verpassen.

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4. Aufzug, 3. Bild

Ankleideraum des Prinzen Jakob

Im prinzlichen Ankleideraum fanden Hofastronom und Hofzauberer den Prinzen und, ein wenig durchsichtig, den Geist der Prinzessin Helene vor. Dem Mädchen entfuhr ein entzücktes Kreischen, als sie ihrer leiblichen Hülle ansichtig wurde. "Oh, mein Geliebter!" rief sie dann aus. "Gleich werde ich Dir als wahrhaftiger Mensch in die Arme fliegen." Sprachs und verschwand als dünner Rauchfaden in ihrem Körper.
"Beeilt Euch, Meister Hofzauberer", drängte der Prinz. "Jede Minute, die sie mir fern ist, schmerzt mich zutiefst."
"Sie hätte nicht sofort in ihren Körper zurückgedurft", sagte der Hofzauberer mißmutig. "Zuerst hätte ich die Wunde schließen müssen. Bei einem leeren Körper ist das viel einfacher, als bei einem begeisterten. Warum haben es diese jungen Leute immer so eilig?"
Doch dann beugte er sich über den Leichnam der Prinzessin und begutachtete ihn, indem er seine Handflächen wenige Millimeter über dem Seidenkleid über ihren Körpergleiten ließ. "Soweit ich erkennen kann, weist der Körper überhaupt keine Wunde auf. Wie ist das möglich?" Mit einem fragenden Blick wandte er sich an den Hofastronomen, der nur wortlos mit den Schultern zucken konnte. "Doch, ich habe etwas entdeckt... nein, es ist kein tödliches Gift... ein... Konservierungsgift! Sie hat wirklich nur geschlafen."
"Aber warum waren dann Geist und Körper voneinander getrennt?" fragte der Hofastronom.
"Das kommt bisweilen vor", erklärte der Hofzauberer und richtete sich auf. "Selbst bei einem ganz gewöhnlichen Schlaf kommt es manchmal dazu, daß Körper und Geist sich trennen...  die eigentliche Frage ist, warum sie überhaupt dieses Konservierungsgift genommen hat." Plötzlich entdeckte der Hofzauberer an der rechten Hand der Prinzessin einen silbernen Ring mit einem großen, bläulich leuchtenden Stein. Vorsichtig zog er den Ring von der leblosen Hand. "Sieh mal einer an", sagte er dann mit einem befriedigten Lächeln, "ein Zeitstein."
"Häh?" fragte der König und zupfte nervös an den Ärmelaufschlägen seines Festgewandes.
"Ein Zeitstein", wiederholte der Hofzauberer. "Bis vor knapp hundert Jahren waren sie allgemein gebräuchlich. Man kann in ihnen die Zukunft sehen, meist sind sie aber recht unzuverlässig. Dieser hier ist auf die persönliche Zukunft der Prinzessin Helene eingestellt, daher die blaue Farbe. Und die Zukunft, die er zeigt, ist..." Mit kritisch zusammengekniffenen Augen begutachtete der Hofzauberer den Stein in der Sonne, die den ganzen Ankleideraum erstrahlen ließ. "Kein Wunder, daß sie ein Konservierungsgift nahm. Dieser Stein zeigt ihr eine große Liebe in weiter Zukunft: Einen Prinz dieses Schlosses, den sie an einem sonnigen Spätsommertag in diesem Ankleideraum kennenlernen wird. Und das Gesicht, daß der Stein zeigt, ist ohne jeden Zweifel das Gesicht unseres Prinzen Jakob."
"Dann ist der Chronik also nicht völlig zu trauen", murmelte der Hofastronom nachdenklich.
Der Hofzauberer zupfte an seiner Unterlippe und musterte die Liegende mit seinen grünen Augen. "Vermutlich hat die Prinzessin das Chaos der kämpfenden Brüder genutzt oder sogar inszeniert und..."
"So belebt sie doch endlich", verlangte der Prinz.
"Aber natürlich, Prinz." Einige rasche Handbewegungen und ein paar genuschelte Worte veranlaßten die Prinzessin, zu atmen, dann schlug sie endlich die Augen auf. Mit einem Fingerschnipsen verlangte der Hofzauberer nach dem Bekörperungstrank, den er der Prinzessin Helene mit der Bemerkung "Das kann bestimmt nichts schaden", einflößte.
Die Prinzessin würgte. "Wein!" verlangte sie.
"Zuerst Brei", bestimmte der Hofzauberer und ließ sich von einem Küchenjungen, der gerade den Ankleideraum betreten hatte, eine Schüssel Weizenbrei geben.
"Wie geht es Euch?" fragte die Königin besorgt, nachdem die Prinzessin zwei große Breischüsseln geleert hatte.
Der Hofzauberer reichte der Prinzessin endlich einen Kelch voll Wein und zwischen zwei Schlücken antwortete sie: "Ich bin sehr hungrig!"
"Da läßt sich leicht Abhilfe schaffen", sagte der König beruhigend. "Die Verlobungen hier auf der Wasserburg sind berühmt für ihre großartigen Banketts."
"Ist hier die Bekörperte?" fragte ein kleiner, dicker, kahler Mann in einer fleckigen Soutane, dem vom Hofstaat bereitwillig ein breiter Weg freigegeben wurde.
"Seid Ihr der Wanderprediger von der Goldenen Schüssel?"fragte der Hofastronom zurück.
"In der Tat, der bin ich", antwortete der Wanderprediger mit einigem Stolz und verwies auf eine goldene Anstecknadel in Form einer Suppenterrine am Kragen seines Gewandes.
"Legt der Prinzessin Helene von den Nordsümpfen bitte in knappen Worten dar, um was es sich bei Eurem Glauben im wesentlichen handelt und beschränkt Eure Ausführungen nach Möglichkeit auf circa zehn Minuten. Dann laßt die Prinzessin die wichtigsten Punkte wiederholen und kommt mir ihr nach unten in den Festsaal", wies der Hofzauberer ihn ein, dann wandten sich Hofzauberer und Hofastronom zum Gehen und winkten die anderen, bis auf den Küchenjungen mit dem Brei, heraus. Schweren Herzens ließ sogar Prinz Jakob seine Geliebte für eine Weile allein.
"Ihr habt gute Arbeit geleistet", lobte der König Hofastronomen und Hofzauberer auf dem Flur. "Das wird sich mit Sicherheit auf Euer Gehalt auswirken." Dann reichte er beiden seine königliche Hand, um seine besondere Anerkennung auszudrücken.

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5. Aufzug, 1. Bild

Festsaal der Wasserburg 'Königsblick'

 

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Marzipanbrot mit Mandelcreme

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Blaue Forelle mit Mandelsauce

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Hühnchen in Marzipan

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Entrecôte à la Hélène

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Lamm mit ganzen Mandeln

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Marzipancreme mit Maraschino

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Marzipantorte 'Blüthenzauber'

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"Majestäten, das Horoskop des Brautpaares verheißt großes Glück für beide bis ins hohe Alter", sagte der Hofastronom und gab einem Diener zwei mit kunstvollen Buchstaben beschriebene und mit gemalten Blumen und Blattgold verzierte Pergamentbögen, der sie dem Prinzen Jakob und der Prinzessin Helene an das andere Tischende brachte. Dann setzte sich der Hofastronom wieder.
"Meine Kristallkugel verheißt Wohlstand und Erfolg, ebenso Liebe und Wohlbefinden für das Brautpaar", sagte der Hofzauberer, dann schob er seinen Stuhl nach hinten. "Entschuldigt mich bitte für eine kurze Weile, ich muß dafür sorgen, daß der Metrol-hicker gut auf den Weg kommt." Mit flatternder Robe, den schweigsamen Dämon im Schlepptau, verließ der Hofzauberer den großen Speisesaal der Wasserburg 'Königsblick'.
Die Gäste, die schon einen Tag vor dem angesetzten Verlobungstermin in der Wasserburg Königsblick weilten, prosteten dem Brautpaar mit Kristallkelchen voll 'Glücklichen Goldtröpfchen' zu, dann wurden die Speisen aufgetragen.
Noch bevor der Letzte jedoch seine Vorspeise verzehrt hatte, leerte Prinzessin Helene bereits die dritte Schale, dabei hatte sie schon vor Beginn des Festmales vier Teller Weizenbrei mit gehackten Mandeln verdrückt.
"Wird sie nicht schrecklich dick werden, wenn sie so viel ißt?" fragte der König den Hofastronomen besorgt über die Tafel hinweg. Die Königin schloß sich mit nachdenklichem Blick der Frage ihres Gemahls an.
Der Hofastronom winkte beruhigend ab. "Ihr braucht für Eure Schwiegertochter nichts zu befürchten, Majestäten. Bedenkt, daß sie fast vierhundert Jahre nichts gegessen hat. Sie muß einiges nachholen."
"Ja, natürlich", sagte die Königin, doch der Blick, mit dem sie den Heißhunger ihrer Schwiegertochter bedachte, zeigte einige Bedenken.
Die Verlobungsgesellschaft aß sich langsam durch die verschiedenen Gänge, unter donnerndem Applaus wurde indessen die Verlobungstorte hereingetragen: schokoladenbezogenes Marzipan, verziert mit aus Marzipan geformten Blüten, vor allen Dingen Rosen und Lilien, die mit gefärbtem Zuckerguß glasiert waren. Sie fand Platz auf einer extra gedeckten Tafel, ein großes Messer, das entfernt an ein Zeremonienschwert erinnerte, aus dem es tatsächlich auch geschmiedet worden war, lag daneben bereit, denn nach dem Bankett sollte das Brautpaar gemeinsam die vierstöckige Torte anschneiden.
Als gerade die letzte Fischgräten abgetragen wurden, tauchte der Hofzauberer wieder auf und setzte sich an seinen Platz neben dem Hofastronomen. Er sah sehr zufrieden aus.
"Was ist los?" fragte der Hofastronom neugierig. Der Hofzauberer grinste verschwörerisch, beugte sich über sein Hühnchen und flüsterte: "Ich habe mit dem Metrol-hicker einen Handel abgeschlossen." Er sah sich nach allen Seiten um und fixierte dann mit seinen grünen Katzenaugen wieder den Hofastronomen. "Er verschafft Schwarzweiß - Burgberg jede Woche eine sternklare Nacht und täglich mindestens eine Stunde Sonnenschein zusätzlich, natürlich im Jahresdurchschnitt."
"Und was habt Ihr dem Dämon dafür gegeben?" erkundigte der Hofastronom sich leise.
Der Hofzauberer grinste breit. "Ich habe bei Meister Zacharias doch noch ein paar Drachenschuppen bestellt. Vier von denen und der Dämon schlug in den Handel ein."
"Und wozu braucht Ihr einen sternklaren Himmel?" fragte der Hofastronom.
"Nunja, eigentlich brauche ich ihn nicht. Aber... naja,... also... also ich finde, wir haben doch ganz gut zusammengearbeitet, wenn Ihr auch eher Gedanken als Taten dazu beigetragen habt... nun, ich wollte mich für Eure unerläßliche Unterstützung erkenntlich zeigen", sagte der Hofzauberer verlegen, "und außerdem für die manchmal vielleicht ungerechtfertigten Boshaftigkeiten in unseren zahlreichen Disputen... äh... entschuldigen." Errötend senkte der Hofzauberer seine pergamentartigen Lider.
"Ich danke Euch, Meister Zauberer", sagte der Hofastronom, dann stockte er und besah sich intensiv seine frisch manikürten Fingernägel. "Ich habe übrigends kürzlich von meinem Onkel das Werk eines gewissen Gertsen geerbt, das sich ausführlich mit dem Beschwören von Phys-hickern und ihrer Haltung auseinandersetzt. Ich habe bisher nur einen kurzen Blick hineingeworfen: alles sehr interessant, aber so recht kann ich damit nichts anfangen. Und da dachte ich mir, daß Ihr es vielleicht gebrauchen könntet, und Ihr es vielleicht auch als, nunja... Entschuldigung für ungerechtfertigte Boshaftigkeiten meinerseits anseht."
"Ein echter Gertsen?!" rief der Hofzauberer erfreut aus. "Am liebsten würde ich Euch das 'Du' anbieten und immer mit Euch zusammenarbeiten."
Der Hofastronom lächelte verlegen. "Mir geht es ebenso", gab er dann zu. Er erhob seinen Weinkelch. "Ich heiße Hugo."
"Ich heiße Socratis", sagte der Hofzauberer und erhob seinen Kelch. "Auf Dein Wohl, Hugo."
"Auf Deines, Sokrates", erwiderte der Hofastronom.
"Socratis", verbesserte der Hofzauberer mit einem verzeihenden Blinzeln.
Die Gläser klirrten leise, als sie gegeneinandergestoßen wurden.
"Wieso 'Socratis'?" fragte der Hofastronom schließlich.
Der Hofzauberer ließ den Wein in seinem Mund herumrollen, dann schluckte er und sagte: "Der Mann von den Vereinigten Kirchen, der die Taufanzeige aufnahm, hatte eine so unleserliche Schrift, daß ich statt auf 'Sokrates' auf 'Socratis' getauft wurde." Nachdenklich nahm der Hofzauberer einen weiteren Schluck. "Mir fällt auf, daß wir verdächtig vom Glück verfolgt waren, während unserer Arbeit. Und wie dann noch diese beiden Jünglinge auftauchten... weiß Du, wie klein die Wahrscheinlichkeit für die Geburt eines solchen Zwillingspaares ist?"
Der Hofastronom nippte an seinem 'Glücklichen Goldtröpfchen'. "Ich kann mir denken, daß sie verschwindend gering ist, aber Du mußt wissen...", der Hofastronom sicherte nach allen Seiten und flüsterte: "Ich hatte auch einen gewissen Verdacht und bin dem gestern Abend mit dem Erstellen meines eigenen Horoskopes nachgegangen. Ich bin ein Sonntagskind und allen meinen Unternehmungen ist Erfolg beschieden... aber das muß natürlich unter uns bleiben", setzte er nachdrücklich hinzu.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 25.03.2010.