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Das Opfer

von Bettina Lege

Bine und Maya sollten im Auftrag der Clique das Opfer aussuchen. Sie waren sich nicht ganz einig darüber, ob sie einen offensichtlichen Loser oder einfach einen durchschittlichen Typen wählen sollten. Wirklich ekelhaft durfte er jedoch in keinem Falle sein, schließlich war zu erwarten, daß sie beide bis zu einem gewissen Grade Körperkontakt mit ihm haben würden.

Taxierend wanderte Bines Blick über die Hinterköpfe der an der Bar sitzenden jungen Männer. Die meisten waren in ihrem Alter, zum Teil waren sie sogar auf ihrer Schule. "Was hältst Du von dem Typen im karierten Hemd?" fragte sie ihre Freundin.

Maya schaute ebenfalls zur Bar, der Typ im karierten Hemd ließ nun sein Profil sehen. Hätte er eine Brille getragen wäre es vielleicht ein Volltreffer gewesen. "Nee, viel zu normal. Der hat möglicherweise sogar eine Freundin. Aber was ist mit dem daneben?"

"Der Schwarzhaarige oder der Blonde?", frage Bine kichernd. "Ich glaub der Blonde wäre perfekt."

Der Blonde unterhielt sich mit dem Typen im karierten Hemd. Er trug selbst ein Hemd, hatte seine langen Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden und hielt sich an seinem Bierglas fest. Für einen Moment schaute er zur Tanzfläche und damit etwa in Richtung von Bines und Mayas Tisch. Er sah nicht zu unattraktiv aus und er hatte einen Kuli in der Hemdtasche.

"Du hast recht", antwortete Maya und kicherte mit. "OK, fangen wir an." Und sie stand auf und ging zielstrebig zu dem Blonden, der inzwischen wieder an seinem Bier nippte.

*

"Ey, sag mal, wie heißt du?" fragte Maya mit ihrem verführerischten Lächeln und neigte sich ein wenig nach vorne, um ihr recht eindrucksvolles Dekolleté wirken zu lassen.

Der Blonde war erwartungsgemäß sprachlos und auch dem Typen im karierten Hemd stand der Mund offen.

Als die Antwort auf ihre Frage auf sich warten ließ, setzte sie nach. "Meine Freundin ist ein bißchen schüchtern, aber sie findet dich total süß und möchte mal mit dir tanzen. Sie heißt Sabine." Maya zeigte zu Bine hinüber, und Bine setzte das bei ihrer jüngeren Cousine abgeschaute verschämte Lächeln auf und winkte etwas zögernd zurück.

"Wow", kam von dem Typen im karierten Hemd und der Blonde stotterte: "Äh, Tim."

"Und, würdest du mal mit ihr tanzen?" fragte Maya nach.

"Äh, na klar... jetzt gleich?" Das klang ein wenig hilflos.

Maya hoffte, daß er sich nicht zu blöd anstellen würde. Vielleicht wäre der Typ im karierten Hemd doch die bessere Wahl gewesen. "Na klar jetzt gleich. Komm mit", sagte sie und zog Tim von seinem Hocker. Der ließ sein Bierglas im letzten Moment doch noch los, so daß es nur ein wenig wackelte und nicht auf dem Boden zerschellte. Und er folgte Maya brav hinüber zu Bine.

"Das ist Tim", stellte Maya den Blonden vor.

"Hallo Sabine", sagte Tim artig. "Äh, bist du schon lange hier?"

Bine fiel es schwer angesichts dieser Platitüde die Mundwinkel im Zaum zu halten.

Maya stupste Tim an. "Ey, Mann, sie will tanzen", erinnerte sie ihn, um die Situation im Griff zu behalten.

"Äh, ja, klar", erinnerte Tim sich. "Willst du tanzen, Sabine?" fragte er also Bine und verkniff sich offensichtlich mit Müh und Not den Tanzschulen-Diener.

"Hallo Tim", hauchte Bine, "klar will ich tanzen." Und sie stand auf.

*

Die Tanzfläche war etwa zur Hälfte gefüllt, so daß sich auch schüchterne Zeitgenossen dorthin wagten. Maya sah, daß es Bine schwer fiel, sich zurückzuhalten, aber sie schaffte es trotzdem ganz gut, den Eindruck des Landeis aufrecht zu erhalten. Tim bewegte sich zunächst recht hölzern aber schien zunehmend warm zu werden. Anscheinend konnte er sein Glück noch gar nicht fassen aber fing an, sich damit anzufreunden.

Nach drei weiteren Songs tranken sie zusammen ein paar Bier, aber es zeigte sich, daß es schwierig war, Tim abzufüllen. Anscheinend vertrug er so einiges oder war am Anfang noch richtig nüchtern gewesen. Sein Freund im karierten Hemd war inzwischen von der Bar verschwunden und langsam kam Phase zwei ins Rollen.

Bine und Maya horchten Tim systematisch aus. Eine Freundin hatte er nicht - wohl auch noch nie gehabt. Von ihrer Schule kannte er anscheinend niemanden, war aber selbst noch Schüler, jedoch aus einem anderen Bezirk. Der Typ im karierten Hemd, Harald, wohnte hier in der Nähe und nach einem langen Nachmittag und Abend vor Computerspielen waren sie zusammen in die Disco gekommen. Seine Hobbies waren Computerspiele, Ufos, Science Fiction und anderer Kram aus der Ecke und langsam tasteten Bine und Maya sich in Phase drei vor.

Je konkreter Maya nachfragte, desto ausschweifender wurden Tims Antworten zu seinen Lieblingsthemen. Bine ließ filmreif die Mundwinkel Millimeter für Millimeter sacken, bis sie schließlich anfing, abschätzige und endlich kränkende Bemerkungen über den Schwachsinn, mit dem Tim sich offenbar beschäftigte, zu machen.

Zunächst reagierte Tim darauf nicht, aber nach einiger Zeit sackte die Kernaussage in sein Bewußtsein. Sabine hielt ihn für einen Loser.

Maya steuerte kraftvoll dagegen, um Tim am Tisch und bei seinem Bier zu halten, bis Bine sich schließlich aufs Klo zurückzog.

*

"Sabine ist wirklich fies zu dir", sagte Maya mitleidig zu Tim. "Ich denke, sie wollte nur mit dir spielen, aber dafür bist du viel zu nett. Und du tanzt wirklich super." Sie gönnte Tim noch einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt und rückte näher. "Ey, wollen wir einfach abhauen? Meine Freundin Tina feiert heute ihren 18. Geburtstag, so mit allem drum und dran, da ist es bestimmt netter als hier und die Getränke sind frei."

Tim ließ einen fast wehmütigen Blick in Richtung Toilettentür schweifen, und dann nickte er. "Laß uns gehen. Ich denke, Sabine hatte genug Spaß mit mir."

Und sie verschwanden aus der Disco, bevor Bine wieder an den Tisch zurückkam.

*

Bis zu Tinas Wohnung war es nicht weit und da die Zeit schon recht fortgeschritten war, konnte man bereits eine Straßenecke vorher die Musik und die lärmenden Feiernden hören. Maya stellte Tim als einen Freund vor und drückte ihm ein Glas Charly in die Hand.

"Ich such eben Tina, um ihr zu gratulieren. Außerdem muß ich auf der Karte von unserem Gemeinschaftsgeschenk noch unterschreiben. Ich find dich schon wieder. Amüsier dich."

Tim nickte und strebte zum bereits reichlich abgegrasten Büfett.

Eine halbe Stunde später kam Maya wieder zu Tim. Der roch inzwischen einigermaßen alkoholisiert und war nur zu bereit, als Maya ihn in eine dunkle Ecke zerrte.

"Weißt du, daß du ziemlich gut aussiehst?" fragte sie ihn mit Schlafzimmerblick und drückte sich an ihn.

"Äh, du aber auch, Maya", antwortete Tim und legte etwas unbeholfen seine Arme um sie.

Maya küßte ihn aggressiv und rieb ihre Hüfte an seinem Schritt. Diese Behandlung zeitigte umgehenden Erfolg. "Komm mit", forderte sie und führte Tim in ein dunkles Zimmer. Bis hier hin hatte sich die Party anscheinend noch nicht ausgebreitet.

Tim ließ sich von Maya willig auf das Bett schubsen und gestattete ihr widerstandslos, das Hemd aufzuknöpfen. Danach kamen sein Gürtel und die Knöpfe der Hose an die Reihe.

Tim griff nach Mayas Brüsten, die ihn hypnotisiert zu haben schienen.

"Moment", verwahrte Maya sich und trat einen Schritt zurück, darauf achtend, die Distanz nicht unüberwindlich werden zu lassen. "Jetzt bin ich dran." Sie grinste lüstern und zog Tim seine Schuhe und dann die Jeans aus. Die gestreifte Boxershorts darunter war cooler, als sie erwartet hatte. Und die an sich lockere Shorts spannte sich deutlich um seine Erektion.

Die Socken ließ sie ihm an, das Hemd flog in eine Ecke. Auf Tims Brust wuchsen bereits einige Haare.

Entspannt angespannt ließ Tim alles mit sich geschehen und seufzte nur leise, als Maya die Finger zwischen seine Haut und den Bund der Shorts gleiten ließ. Langsam, sehr langsam und respektvoll zog Maya Tims Shorts über seine erregten Genitalien hinunter bis zu den Knien. Sie hauchte ihm einen Handkuss zu und sagte. "Einen Moment, mein Großer."

Tim schloß genießerisch die Augen, während Maya zwei Schritte zur Tür machte.

"Fang nur nicht ohne mich an", sagte sie, drückte die Klinke herunter und schlüpfte hinaus.

*

Keine halbe Minute später wurde die Tür aufgerissen und grelles Licht überflutete das Bett und den bis auf seine geringelten Socken und die heruntergezogene Shorts nackten Tim.

Tim riß die Augen auf, konnte aber in der plötzlichen Helligkeit nichts als Schatten erkennen. Es war jedoch mehr als ein Schatten, also konnte es nicht Maya sein. Peinlich berührt versuchte Tim aufzustehen, woran ihn die um seine Knie gerollte Shorts hinderte. Ungeschickt fiel er aufs Bett zurück und versuchte nun, wenigstens seine Blöße zu bedecken. Eine Hand an der Scham tastete er mit der anderen blind herum, aber die abgelegten Kleidungsstücke waren außerhalb seiner Reichweite und auf diesem Bett lag nichts als die Matratze.

Helles Mädchenkichern erfüllte vielstimmig den kleinen Raum. Ein schadenfrohes, gehässiges Kichern, das sich in dem Maße verstärkte, in dem mehr Blut in Tims Kopf stieg, bis er vor Schamesröte glühte. Endlich hatte er seine Jeans und sein Hemd in der Hand, zog unbeholfen mit einer Hand die Shorts wieder hoch. Erbarmungsloses Gelächter verfolgte ihn, als er sich zwischen den Mädchen hindurchquetschte. Mit gesenktem Kopf huschte er durch die Wohnung und hinaus auf den Hausflur, so daß er nicht sah, daß Maya und Bine inmitten ihrer Clique ihren Triumpf auskosteten.

* * *

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 15.06.2011.