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Rezension zu 'Mitternachtsrot: Eine Erzählung aus Dschanor' von Bianca M. Riescher, OhneOhren

von Bettina Lege, 25.08.2015

Was für ein Abenteuer!

Mitternachtsrot ist im besten Sinne des Wortes eine farbenprächtige Abenteuergeschichte.

Zu Beginn geraten eine Kreedan-Kriegerin und ein Trijan-Söldner als Feinde aneinander. Dann erhalten sie unverhofft gemeinsam einen göttlichen Auftrag. Die äußeren Ereignisse, die durch ambitionierte Götter und Menschen vorangetrieben werden, zwingen Kriegerin und Söldner zusammenzuarbeiten, so daß die beiden sich zwangsweise aufeinander verlassen müssen und sich dabei, trotz aller Gegensätze, immer näher kommen. Die prickelnde Spannung zwischen den beiden mündet endlich auch in eine wunderbare wenn auch zukunftslos scheinende Liebesgeschichte, deren Ende durch den Epilog so offen gehalten wird, daß man hier als Leser auf eine Fortsetzung hoffen kann.

Sehr gut gefällt mir die Darstellung des Zusammenstoßes der unvereinbar scheinenden Kulturen der Kreedan und der Trijan, mal aus der Sicht Lisaans, mal aus der Tareqs. Der Autorin gelingt nicht nur eine überzeugende Darstellung dieser starken Charaktere, deren Beweggründe immer gut nachvollziehbar sind - auch wenn Erklärungen aus gutem Grund oft erst später geliefert werden - sondern sie schafft es auch, daß der Leser mit ihnen mitfühlt. Durch eine Reihe von anscheinend aussichtslosen Situationen erzeugt sie zudem gekonnt Spannung, die - zum Teil durch Perspektivenwechsel geschickt hinausgezögert - oft überraschend aufgelöst wird. Diese Spannung und die meist damit verbundenen, immer sehr gut beschriebenen Kämpfe, sind allerdings nie Selbstzweck sondern ergeben sich zwangsläufig aus der Geschichte. Und dazu gelingt ihr noch das Kunststück, auch humorvolle Elemente einzubauen.

Im Großen und Ganzen wird die Kultur und der Kriegsgott der Trijan durch die Wahl der Charaktere und deren Aufgabe am ausführlichsten vorgestellt, und damit wird dem Leser auch bald klar, was es mit dem Titel des Buches auf sich hat. Aber auch von den Kreedan bekommt man einen guten Eindruck. Weitere Kulturen und verschiedene Gottheiten der Welt werden so weit vorgestellt, daß man für diese Geschichte genügend Informationen zum Verständnis erhält und außerdem Lust darauf bekommt, auch weitere Geschichten aus Dschanor zu lesen.

Die Sprache der Autorin ist angenehm zu lesen und besonders bewunderungswürdig finde ich ihr Talent, Nebencharaktere mit wenigen Worten plastisch werden zu lassen. Außerdem liebe ich ihre ausgefallenen Ideen, vor allem die Gestaltung der Götter Dschanors. Aber auch in anderen Details ist Dschanor in meinen Augen eine erfrischend untypische aber in sich sinnvoll konstruierte Welt. Sehr schön finde ich in diesem Zusammenhang vor allem das kaum in einem Fantasyroman zu erwartende Plotelement, das den Helden ihren Auftrag ermöglichen soll, und so konsequent zu Ende gedacht wird, daß es das persönliche Schicksal der Helden besiegelt.

Für mich persönlich abenteuerlich war zudem die Tatsache, daß Mitternachtsrot leider bisher nur als eBook erhältlich ist. Als ich die Ausschreibung der Leserunde bei Lovelybooks sah, überzeugte mich die Kurzbeschreibung des Buches und die Leseprobe so sehr, daß ich es unbedingt lesen wollte. Da ich es nicht einfach in meinem Lieblingsbuchladen als 'analoges' Buch bestellen konnte, ließ ich mich auf meine erste Leserunde auf Lovelybooks ein, um vielleicht ein eBook-Exemplar zu gewinnen. Dafür mußte ich jedoch zunächst einen ePub-Reader auf meinem Rechner installieren, um den Anforderungen der Ausschreibung genügen zu können. Ich gewann wirklich ein Exemplar und nach dem ersten Kampf mit dem Reader funktionierte es mit dem Lesen ganz gut, aber meine ungebrochene Liebe gehört immer noch dem Papierbuch und ich hoffe sehr, daß es Mitternachtsrot und/oder andere Geschichten aus Dschanor wie andere Bücher des Verlages auch irgendwann als Paperback geben wird.

Meine Leseempfehlung geht an alle ab etwa 15 Jahren, die Abenteuer- und Liebesgeschichten lieben, blutige Kämpfe und starke Frauen nicht scheuen und keinen Wert auf Genre-Stereotypen legen.

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Nachtrag: Die etwas später erschienene Printversion des Buches, die ich mir natürlich sogleich zulegen mußte, ist ein wirkliches Schmuckstück. Das edel mattfolierte Paperback liegt so schmeichlerisch gut in der Hand, daß ich es gleich noch einmal gelesen habe. Außerdem steckt in einer Einschubtasche noch eine große farbige Karte von Dschanor, die bei der Orientierung in dieser bemerkenswerten Welt hilft.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 17.11.2016.