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Rezension zu 'Insel am Rande der Welt - Rabenzeit 1' von Astrid Vollenbruch, Eigenverlag/lulu

von Bettina Lege, 18.07.2017

Traditionen und Umbruch

Die Lektüre der nahezu 500 Seiten bereitet den Weg in eine zunächst nur etwas exotisch wirkende, dem Mittelalter nachempfundene Welt, als erstes auf jene titelgebende 'Insel am Rande der Welt', das am Rande des Königreiches Ryondar im unruhigen Westmeer gelegene Iunis, Heimat der Kardian. Das Leben dort ist karg, die Einwohner sind abhängig von der Gunst der Natur und ihrer Herrschenden, und beide machen es ihnen nicht gerade leicht.

Man wird hineingeworfen in das Leben von Iveirdne, einer Holzschnitzerin und halbwegs kräuterkundigen jungen Frau, die zu den seit Langem unterdrückten Kardian gehört und sich bemüht, die für sie zum Teil unverständlich gewordenen Rituale ihrer Vorfahren fortzuführen. Im Lauf der Geschichte wird man auch mit anderen Teilen des Landes Ryondar bekannt gemacht, denn Iveirdne reist in die Hauptstadt Ryondars, die Großstadt Arithia, in der vor Jahrhunderten von den eingewanderten Anturiern und Ryondari die Königsburg Thorandon auf (und in) einem krallenförmigen Berg errichtet wurde.

Das Hofleben bestätigt den Eindruck einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Welt. Aus der Sicht des gerade erwachsen gewordenen Thronfolgers Argon, der seinem ermordeten Vater in das Amt folgt, erlebt man die Machthaber dieses Königreiches, die Herrscher der Fürstentümer, die Priesterschaft, die Machtkämpfe an diesem Hof und die Zwänge des Hofprotokolls. Und immer deutlicher wird, daß die zunächst einfach abergläubisch wirkenden Hinweise auf die Kiddûn (wohl soetwas wie Kobolde) und andere magische Wesen ein Teil der Realität von Ryondar sind, auch wenn die Magie eingedämmt wurde durch Worte der Macht, die der erste König von Ryondar gesprochen hat, um die Dämonen unter die Erde zu verbannen.

Eine dritte wichtige Figur ist die Musikerin Qedi, eine Meisterin der Musikergilde, der Machoisanna. Sie ist nicht mehr die Jüngste, eine begnadete Harfenistin, sprachbegabt, neugierig und nahezu furchtlos, wenn sie den Rätseln, die sich ihr stellen, nachgeht. Die Machoisanna sind mit den von ihnen gehüteten Schriften und Liedern das Gedächtnis Ryondars. Sie unterstehen nur dem König und sind neben den Priestern die einzigen, die eine erlaubte Form der Magie wirken dürfen. Unerlaubte oder unerlaubt ausgeübte Magie wird streng und entgültig bestraft und alle magischen Gegenstände müssen dem König ausgehändigt werden.

Es gibt noch weitere Gesetze und Verbote, die den Umgang der von Anturiern und Ryondari abstammenden Menschen mit den ursprünglich einheimischen und nun praktisch zu Sklaven degradierten Kardian regeln, und deren Sinn nicht nur beim Leser Fragen aufwirft, sondern insbesondere auch bei Qedi, als sie bei Nachforschungen unerwartet an die Grenzen der Freiheiten der Machoisanna stößt.

Stück für Stück werden immer mehr Ungereimtheiten und Gefahren aufgedeckt, die den Leser um Aufklärung betteln lassen, um eine mehr als nur beiläufige Begegnung von Qedi und Iveirdne, um den Sinn hinter den nur noch aus Gewohnheit befolgten Sitten der Kardian zu verstehen und um zu verstehen, warum dem unterdrückten Volk sein kulturelles Gedächtnis über die Jahrhunderte offenbar zielgerichtet genommen wurde.

Natürlich existieren die drei genannten Figuren nicht im luftleeren Raum, sie haben Verwandte, Freunde, Nachbarn, sie haben ein tägliches Leben, erfahren Freude, aber zum Teil auch viel Leid und ernsthafte Gefahren. Dabei ist jede Szene so lebhaft geschrieben, daß man von Anfang an mitfiebert mit den Charakteren und sie schließlich ins Herz schließt, auch wenn sie mal unvernünftig oder unangenehm werden.

Mit gefällt die Ausführlichkeit, mit der die verschiedenen Kulturen der Bewohner Ryondars, ihr Glaube und ihre Rituale dargestellt werden. Spannend wird es immer da, wo die verschiedenen Ansichten der Welt sich reiben, manchmal reicht es auch schon, daß sie sich berühren. Dadurch - und durch den Perspektivenwechsel zwischen den drei Hauptfiguren und einigen Nebenfiguren - wird die Geschichte so mitreißend, daß man das Buch kaum aus der Hand legen kann, bevor man es durchgelesen hat. Natürlich bereitet die umfangreiche Geschichte dieses ersten Buches die Bühne für die geplanten kommenden sieben Bücher, aber dadurch, daß alle Erzählstränge zunehmend eskalieren, gibt es auch zahlreiche Gründe, auf deren Fortführung aufs Höchste gespannt zu sein.

Zudem hat man es hier mit einer sehr gut durchdachten, über dreißig Autorenjahre tatsächlich historisch gewachsenen Welt zu tun, und soetwas macht für mich ja immer einen großen Teil des Lesespaßes aus. Dazu kommt Astrid Vollenbruchs angenehm flüssige Sprache und ein zwar dichtes aber trotzdem gut zu lesendes Schriftbild. Sehr hilfreich fand ich darüber hinaus den 16-seitigen Anhang mit Eigennamen, Völkern, Orten und so fort, falls man doch einmal vergißt, ob man diesen oder jenen Charakter denn nun schon kennt oder noch nicht.

Der Grund für die Bezeichnung 'Rabenzeit' für das breit angelegte Epos hat sich mir noch nicht klar erschlossen, auch wenn an vielen Stellen des ersten Buches Raben auftauchen und der König von Ryondar sie im Wappen führt, aber da bin ich geduldig. Auch kann man am Ende der 'Insel am Rande der Welt' allenfalls erahnen, warum die Herrschenden meinen, die Kardian unterdrücken zu müssen. Aber man weiß, wer warum auf dem Weg ist, ein Rebell zu werden. Wie weit sie damit kommen, wer sich ihnen anschließt, ob sie überleben und vielleicht sogar schaffen, etwas zu ändern, wird aller Voraussicht nach der zweite Band von 'Rebellen' klären. Daher hoffe ich, das die zur Zeit in Vorbereitung befindlichen 'Blumen aus Stein' auch bald gedruckt vorliegen.

Meine Empfehlung an alle unerschrockenen Erforscher magischer Kulturen und ihrer historischen Entwicklungen sowie an Feinde der Unterdrückung ab etwa 14 Jahren.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 18.07.2017.