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Rezension zu 'Sophia oder Der Anfang aller Geschichten' von Rafik Schami, Hanser

von Bettina Lege, 27.09.2015

Liebevoll und philosophisch!

Dieses schöne Buch habe ich bei lovelybooks bei der Leserunde dazu gewonnen. Hier nun mein halbwegs verdauter Eindruck von diesem wunderbaren Buch:

Sophia oder Der Anfang aller Geschichten ist das erste Buch von Rafik Schami, das ich gelesen habe, und er hat mich schon während des ersten Kapitels mit seiner Erzählkunst verzaubert.

Das Buch beginnt 2006 in Damaskus, mit einer entzückenden Episode der Liebesgeschichte zwischen dem Moslem Karim und der Katholikin Aida, die sich erst ein halbes Jahr kennen, aber beide bereits in die Jahre gekommen sind. Im zweiten Kapitel befinden wir uns im Jahre 2010 in Rom, bei dem Katholiken Salman, einen Damaszener im Exil. Wieso dieser 1970 seine Heimat verlassen mußte, warum seine Mutter Sophia die Namensgeberin des Buches ist und was beide schließlich mit Karim zu tun haben, erschließt sich durch viele rückblickende Geschichten während Salmans Versuch, die Orte seiner Jugend in Damaskus wieder zu finden.

Tatsächlich erfährt man in den späteren Kapiteln praktisch alles über die Vergangenheit aller Protagonisten: was sie formte oder mit anderen Menschen in Verbindung brachte. Doch wie auch die Erinnerung nicht linear sondern eher sprunghaft funktioniert, werden in diesem Buch immer wieder einzelne Ereignisse scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen erzählt. Erst aus der Fülle dieser Erzählungen ergibt sich im Laufe der Lektüre ein Sittenbild der Damaszener Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert.

Vielleicht weil der Autor selbst als junger Mann Damaskus verließ und angesichts dieser Biographie insbesondere Karim und Salman als Gedankenspiele möglicher Lebenswege des Autors erscheinen, ist die Erzählung so sinnlich und werden die Protagonisten so lebendig, daß man diesen Roman mitfühlen und mitatmen kann: die Liebe, die Sehnsucht, aber auch die Getriebenheit einiger Figuren, die Angst vor der Willkür und den Spitzeln der syrischen Diktatur, dazu die Gerüche von gewürztem Kaffee und selbst zubereiteten Speisen.

Durch genaue Orts- und Zeitangaben, Hinweise auf die zeitgleich zur Romanhandlung stattfindenden Anfänge des 'Arabischen Frühlings' und letztlich ein (wie wir heute wissen trügerisch) hoffnungsvolles Ende im Jahre 2011, ist der Roman zudem in der realen Welt verankert. Für den Leser gibt es so wenig Distanz. Das erhebt an vielen Stellen, aber an anderen bedrückt es auch.

'Sophia' ist ohne Zweifel ein politisches Buch, denn in der Darstellung der Figuren und ihrer Geschichten ist die Parteinahme des Autors zu den Lebensverhältnissen im modernen Syrien sehr deutlich. Rafik Schamis Ideal ist sympathischerweise die friedliche Toleranz und die Pflege die Liebe - wie etwa die Liebe zum Ehepartner, zwischen Vater und Sohn, zu Freunden, zu gutem Essen und zu Damaskus.

Durch den roten Faden des heimkehrenden, in der Heimat jedoch überraschend erneut verfolgten Exilanten Salman wird der Roman ab etwa der Hälfte dazu noch zum Spionagethriller, der einigen Protagonisten die Möglichkeit gibt, sich als Helden zu erweisen, indem sie bedingungslos helfen, ungeachtet der Religion und selbst angesichts realer Gefahren für das eigene Leben.

An den Stellen, die den Lebensweg der Protagonisten entscheiden, in einigen der Gespräche zwischen den Figuren, wird das Buch zudem philosophisch - und es kann kein Zufall sein, daß Karim, für mich der größte Held dieses Buches, seinen Lebensweg gerade durch die Liebe (gr. Philia) zu Sophia (gr. für Weisheit) gefunden hat.

Ich empfehle dieses Buch allen aufmerksamen Lesern ab etwa 14 Jahren, die Spaß an mäandernden, zeitlich hin- und herspringenden Erzählsträngen, anderen Kulturen und dem Entdecken einer positiven Lebensphilosophie haben.

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© Bettina Lege (eMail schreiben) 2004 / 2017,
zuletzt geändert am 17.11.2016.